Über unsere Köpfe hinweg? 

Foto: vcp/ Nico Seeber/formtugend

Wir haben euch nach eurer Meinung zur Wehrpflicht gefragt! 

„Sorgen vor der Wehrpflicht hab ich nicht wirklich, aber einfach keine Lust drauf.“ Jan ist einer der Teilnehmenden des Workshops “Wehrpflicht und Militarisierung” auf dem Bundeslager. Er ist 15 und damit noch ein paar Jahre davon entfernt, selbst Post von der Bundeswehr zu bekommen. Gedanken hat er sich trotzdem schon gemacht. Mit einer Waffe in der Hand würde er sich unwohl fühlen, einen Zivildienst könnte er sich dagegen vorstellen. Sein Vater habe das auch gemacht und erzähle heute lustige Geschichten davon. In seinem Umfeld geht es vielen ähnlich: „Viele halten den Wehrdienst für sinnvoll, aber keiner will es machen.“ 

Vielleicht steckt in diesem Satz schon eines der großen Probleme der aktuellen Debatte. Deutschland soll wieder verteidigungsfähiger werden, die Bundeswehr braucht dafür deutlich mehr Personal. Gleichzeitig sind es vor allem junge Menschen, die dafür im Zweifel einen Teil ihrer Freiheit und Zeit opfern – und im Ernstfall sehr viel mehr riskieren müssten. Und die fühlen sich oft übergangen.  

Was gilt eigentlich gerade? 

Aber erst mal die Fakten: Seit Anfang 2026 bekommen 18-jährige Frauen und Männer einen Fragebogen von der Bundeswehr zugeschickt. Gefragt wird darin zum Beispiel nach Interesse am Wehrdienst, körperlicher Fitness, Schul- und Berufsabschlüssen und anderen Qualifikationen. Männer müssen antworten, Frauen dürfen. Ab dem 1. Juli 2027 kommt ein weiterer Schritt hinzu: Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 müssen sich auch mustern lassen. Dabei wird geprüft, ob jemand grundsätzlich für den Wehrdienst geeignet ist. Aber auch eine Musterung bedeutet noch nicht automatisch, dass man anschließend zur Bundeswehr muss. Ausgeschlossen ist eine verpflichtende Einberufung aber wiederum auch nicht. Reichen die Freiwilligen nicht aus oder verschärft sich die sicherheitspolitische Lage, kann die Bundesregierung eine sogenannte Bedarfswehrpflicht vorschlagen. Darüber müsste der Bundestag mit einem weiteren Gesetz entscheiden. 

Über uns – aber ohne uns? 

Rund 4.000 Menschen zwischen 15 und 30 Jahren wurden im Frühjahr 2026 für die Studie „Jugend und Wehrdienst“ befragt. Rund 80 Prozent gaben an, dass sie das Thema beschäftigt. Besonders auffällig: Unabhängig davon, ob sie Wehrdienst grundsätzlich befürworten oder ablehnen, fühlen sich junge Menschen nicht ausreichend in die politischen Entscheidungen einbezogen. Das zeigt sich auch in den Stimmen, die uns erreicht haben. 

Felix (20) lehnt eine Wehrpflicht entschieden ab. Er befürchtet eine zunehmende Militarisierung der Gesellschaft und kritisiert, „dass ausgerechnet die junge Generation die Konsequenzen politischer Entscheidungen tragen und im Ernstfall ihr Leben für einen Staat riskieren soll, obwohl sie selbst kaum Einfluss auf diese Entscheidungen hat.“ 

Auch Henri (18) findet: „Junge Menschen sind im Diskurs nicht gerecht repräsentiert.“ Trotzdem kommt er zu einem anderen Ergebnis als Felix. Grundsätzlich hält er eine Wehrpflicht für richtig. Im Ernstfall würde er wohl selbst Wehrdienst leisten. Gleichzeitig bedeutet ein Pflichtdienst für ihn aber auch „mehr Zeit ohne Selbstbestimmung“. Das Gefühl, nicht ausreichend beteiligt zu werden, führt also nicht automatisch zu einer Ablehnung des Wehrdienstes. 

Wir ziehen uns nicht aus der Verantwortung! 

VCP/Mona Tarrey

Bereits seit Ende 2025 gibt es bundesweit Schulstreiks gegen die Wehrpflicht. Auch 2026 demonstrieren Schüler*innen in zahlreichen Städten gegen die verpflichtende Musterung und eine mögliche spätere Einberufung. Sie fordern unter anderem mehr Investitionen in Bildung und Soziales, eine stärkere Friedensbildung und mehr Mitsprache junger Menschen. Die Protestierenden wehren sich dabei gegen den Vorwurf, ihre Ablehnung der Wehrpflicht bedeute, keine Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen zu wollen. Auch die Stimmen aus dem VCP zeigen: Die Frage lautet nicht unbedingt “Engagement oder kein Engagement”. Häufig geht es vielmehr darum, wer entscheidet, wie dieses Engagement aussieht.  

Der Deutsche Bundesjugendring (DBJR), in dem Jugendverbände mit rund sechs Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen sind, kritisiert genau diesen Punkt. Bei einem Gesetz, das so stark in die Lebensplanung junger Menschen eingreifen kann, müssten diese frühzeitig und verbindlich beteiligt werden. Stattdessen würden junge Menschen angesprochen, wenn es um ihre Bereitschaft zum Einsatz gehe – nicht aber ausreichend, wenn über die Bedingungen dieses Einsatzes entschieden werde. Der DBJR lehnt deshalb verpflichtende Dienste grundsätzlich ab und fordert, stattdessen freiwilliges Engagement besser zu fördern. 

Verantwortung – aber freiwillig? 

Lucas ist 21 und selbst bei der Feuerwehr. Er schreibt: „Ich sehe total ein, dass unser Land Sicherheit braucht“. Trotzdem ist für ihn klar: „So etwas muss freiwillig bleiben.“ Aus seiner Arbeit bei der Feuerwehr kenne er den Unterschied. Bei solchen Aufgaben sei man vor allem dann wirklich dabei, wenn man sich bewusst dafür entschieden habe. Statt junge Menschen zu verpflichten, solle der Staat deshalb Freiwilligendienste stärken. Uns Pfadfinder*innen dürfte dieser Gedanke nicht fremd sein. Gruppenstunden vorbereiten, Verantwortung für Kinder übernehmen, Lager organisieren, sich für Umwelt oder Gesellschaft einsetzen: Viele von uns engagieren sich längst.  

Und noch etwas fällt bei den Stimmen auf, die uns erreicht haben: 

Warum eigentlich nur Männer?   

Jan, Felix, Lucas, Henri, Gebhart – jüngere und ältere Menschen, Befürworter und Gegner. Aber ausschließlich Männer. 

Es passt zu einer Besonderheit der deutschen Wehrpflicht: Auch 2026 betrifft eine mögliche Einberufung weiterhin Männer. Der Grund dafür liegt im Grundgesetz – und in Geschlechterbildern, die heute ziemlich aus der Zeit gefallen wirken. Als die Wehrpflicht in den 1950er Jahren eingeführt wurde, wurde festgelegt, dass Frauen „in keinem Fall Dienst mit der Waffe leisten“ dürfen. Ein Dienst an der Waffe widerspreche der „Natur“ und „Bestimmung“ der Frau, wurde damals argumentiert. Das hatte eine bemerkenswerte Folge: Frauen mussten nicht nur keinen Wehrdienst leisten – sie durften lange Zeit auch nicht freiwillig in kämpfenden Einheiten der Bundeswehr dienen. Das änderte sich erst um die Jahrtausendwende. Die Elektronikerin Tanja Kreil hatte sich bei der Bundeswehr beworben und war wegen ihres Geschlechts abgelehnt worden. Sie klagte und bekam im Jahr 2000 vor dem Europäischen Gerichtshof Recht. Seit 2001 stehen Frauen grundsätzlich alle militärischen Laufbahnen offen. 

VCP Wttbg/Nico Seeber

Freiheit – und wer sie verteidigt 

Gebhart (68) schreibt uns, wie er als junger Mann bei Besuchen seiner Großeltern in der DDR erlebte, dass persönliche Freiheiten keineswegs selbstverständlich waren. Auch deshalb entschied er sich 1967 freiwillig für den Wehrdienst. Er findet, Freiheit müsse im Zweifel auch verteidigt werden. Damit steht seine Perspektive ziemlich im Gegensatz zu der von Felix (15). Er findet: “Es ist falsch, junge Menschen dazu zu zwingen, für staatliche Interessen oder politische und wirtschaftliche Machtinteressen in den Krieg zu ziehen.” Gebhart dagegen fürchtet, dass Freiheit verloren gehen kann, wenn eine Gesellschaft nicht bereit ist, sie zu verteidigen. Beide sprechen über Freiheit und Verantwortung. Aber sie meinen damit etwas ziemlich Unterschiedliches.   

Wer schuldet hier eigentlich wem etwas? 

Ist das Ganze einfach ein Generationenkonflikt? Dafür sind schon die Stimmen, die uns erreicht haben, viel zu unterschiedlich. Trotzdem taucht bei den Jüngeren ein Gedanke immer wieder auf: Ist es fair, gerade ihrer Generation jetzt eine weitere Pflicht aufzuerlegen? 

Henri schreibt dabei vom „Generationenvertrag“. Aus seiner Sicht haben ältere Generationen jungen Menschen an vielen Stellen ungelöste Probleme hinterlassen: beim Klima, bei der Infrastruktur und auch bei der Verteidigungspolitik. Jetzt soll ausgerechnet die jüngere Generation einen Teil der Konsequenzen tragen. 

Nach 1990 glaubten viele in Gebhards Generation daran, dass militärische Abschreckung weniger wichtig werden würde. Heute sieht die Welt anders aus. Eine einfache Antwort gibt es also nicht. Vielleicht verläuft die entscheidende Grenze deshalb gar nicht zwischen “dafür” oder “dagegen”. Niemandem, der uns geschrieben hat, ist die Gesellschaft egal. Gestritten wird vielmehr darüber, welchen Beitrag eine Gesellschaft von jungen Menschen verlangen darf, wer darüber entscheidet – und ob diejenigen, die ihn leisten sollen, dabei genug gehört werden. Für einen Jugendverband ist das keine nebensächliche Frage. Denn wenn über die Zukunft junger Menschen gesprochen wird, sollten ihre Stimmen nicht erst dann zählen, wenn es darum geht, ihren Dienst einzufordern. 

Wo finde ich Hilfe? 

Die Debatte um Wehrpflicht, Krieg und die eigene Zukunft kann viele Fragen und Ängste auslösen. Wenn dich das beschäftigt, musst du damit nicht allein bleiben. 

Telefon Seelsorge 

Anonym, kostenlos und rund um die Uhr: 116 123, 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Das Angebot ist kirchlich getragen und für alle da. www.telefonseelsorge.de  

Beratung zu Wehrdienst & Kriegsdienstverweigerung 

Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) bietet kostenlose, vertrauliche und ergebnisoffene Beratung an, auch zur persönlichen Gewissensentscheidung. https://www.eak-online.de/beratung  

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