„Nur weil kein Krieg ist, ist nicht automatisch Frieden “ 

Foto: VCP/Maya Burkhardt

Wir haben mit EKD- Präses Anna-Nicole Heinrich gesprochen!

Anna-Nicole Heinrich wurde 2021 mit gerade einmal 25 Jahren zur jüngsten Präses der EKD-Synode gewählt. Auf ihrer #PräsesTour2025 suchte sie das Gespräch mit jungen Soldat*innen, Schüler*innen und Geflüchteten über deren Sorgen und Ängste angesichts von Krieg und Gewalt. Auf ihrer diesjährigen Sommertour sprach sie auf dem VCP-Bundeslager mit uns über Krieg, Frieden und darüber, welche Haltung die Evangelische Kirche dazu einnimmt. 

Bild: VCP/Max „ize“ Wohlerdt

anp: Anna-Nicole, schön, dass du uns besuchen kommst! Ich habe erst heute hier auf dem Bundeslager in meiner Kochgruppe zum Thema Wehrpflicht herumgefragt, ob jemand schon einen Brief von der Bundeswehr bekommen hat. Ein Jugendlicher sagte: „Ja, der Brief liegt seit Mai ungeöffnet bei mir auf dem Schreibtisch.“ Was würdest du solchen jungen Menschen gern sagen?  

Schon 13- bis 16-jährige sehen klar, dass wir global in einer beängstigenden Situation sind.

Anna-Nicole: Ich glaube, es geht gar nicht darum, jungen Menschen zu sagen “das ist richtig oder falsch”, sondern: “Das ist eine wirklich tiefgreifende Entscheidung, und wir begleiten dich gerne in diesem Prozess.” Jugendliche schieben solche Entscheidungen manchmal auf, wenn sie nicht begleitet werden. Ich finde deshalb die Frage spannend: Wo sind eigentlich die Räume, in denen sie sich wirklich darüber austauschen können? Sie brauchen Austauschräume! Das merke ich in meinem Umfeld und vor allem, wenn ich in Schulen unterwegs bin.  

anp: Erinnerst du dich noch an Aussagen von Schüler*innen, die dich besonders bewegt haben? 

Anna-Nicole: Schon 13- bis 16jährige sehen klar, dass wir global in einer beängstigenden Situation sind. Sie sagen dann oft sinngemäß: “Lohnt sich das alles eigentlich noch? Die Klimakrise, macht mir immer mehr Angst. Meine Oma leidet unter der Hitze, und die Menschen auf anderen Kontinenten leiden noch mehr. Dann sind da irgendwelche verrückten Männer, die Angriffskriege führen. Und jetzt soll ich mich entscheiden, als ob ich einen Unterschied machen könnte.” Das ist eine große Überforderung. 

anp: Wie hat sich die Haltung der Kirche zu Krieg und Frieden entwickelt? 

Anna-Nicole: Ich würde sagen, man hat einen Realitätscheck gemacht.  

anp: Damit spielst du wahrscheinlich auf die aktuelle Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick.“ der EKD an. Was soll das denn eigentlich heißen: „Gerechter Friede“? 

Anna-Nicole: Wenn ich sage: „Friede heißt kein Krieg“, dann wäre das zu einfach. Denn nur weil irgendwo kein Krieg ist, heißt das nicht automatisch, dass dort Frieden ist. Ein Beispiel: Ich habe letztes Jahr in Georgien und Armenien mit dem CVJM verschiedene Projekte besucht. Dort habe ich gespürt, was es heißt, zwar nicht mehr in einer akuten Kriegssituation zu leben, aber trotzdem keinen Frieden zu haben. In Georgien waren die letzten heftigen Auseinandersetzungen bei meinem Besuch 16 Jahre her und 13-jährige Kinder erzählten mir, wie schlimm Krieg ist. Sie lebten immer noch in einem Grenzgebiet, in dem es weiterhin Checkpoints gibt. Für sie fühlte sich das extrem unsicher an. Die Abwesenheit von akuter Gewalt ist also nur der erste Schritt. Danach braucht es noch viele weitere Schritte, damit wir wirklich sagen können: Hier leben Menschen in einem gerechten Frieden. 

Das, was hier im Kleinen funktioniert, kann auch in der ganzen Gesellschaft funktionieren! 

anp: Die EKD rückt in der Schrift vom Pazifismus als politische Theorie ab und argumentiert pragmatischer mit Blick auf Verteidigung und Sicherheit. Wie bewertest du diesen Kurs? 

Anna-Nicole: Ich finde ihn realistisch. Ich habe punktuell in der Friedenswerkstatt mitgearbeitet, die an der Denkschrift beteiligt war. Natürlich gibt es bei einer solche Zusammenarbeit auch Punkte, an denen man sich reibt, denkt, „Ja, aber …“ Die Denkschrift ist aber keine Vorgabe, sondern ein Impulstext, der zum Denken und zur eigenen Gewissensbildung in unterschiedlichen Lebensrealitäten dienen soll: Wäre ich zum Beispiel Maschinenbauingenieurin auf Jobsuche, dann müsste ich mich jetzt vielleicht fragen: Kann ich mir auch vorstellen, bei einem Rüstungskonzern zu arbeiten? Genau dafür ist der Text da. 

anp: Was macht dir Hoffnung, wenn du an die Zukunft denkst? 

Anna Nicole: Ich besuche viele unterschiedliche Menschen, die tolle Arbeit machen! Egal, wo ich hinkomme, treffe ich auf engagierte Ehrenamtliche, die versuchen, das, was da ist, zusammenzuhalten und wieder wachsen zu lassen. Kirchen, Jugendverbände und christliche Organisationen sind die Baumeister*innen der Gemeinschaft, wie die 5.000 Menschen auf eurem Bundeslager. Das, was hier im Kleinen funktioniert, kann auch in der ganzen Gesellschaft funktionieren! 

anp: Vielen Dank für dieses Interview! 


Die Denkschrift der EKD versteht Gerechten Frieden als einen Prozess, in dem Gewalt abnimmt und Gerechtigkeit wächst. Gemeint ist damit mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg oder eine Waffenruhe. Ziel ist eine umfassende Ordnung gerechten Zusammenlebens. Dazu gehören vier miteinander verbundene Dimensionen: Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Ungleichheiten und ein friedensfördernder Umgang mit Pluralität. Der Schutz vor Gewalt bildet dabei die Grundlage. Zugleich macht die Denkschrift deutlich, dass Frieden brüchig bleibt, wenn er sich allein auf Sicherheit und Gewaltvermeidung beschränkt und Fragen von Freiheit und Gerechtigkeit ausblendet. 

https://www.ekd.de/friedensdenkschrift-2025-das-leitbild-des-gerechten-friedens-92410.html

Hilfreiche Links zu (kirchlichen) Informations- und Beratungsangeboten: 

Die EAK vermittelt auch individuelle Beratungen. 

=> https://www.ekbo.de/wirken/politik/friedensarbeit/deine-entscheidung 

=> https://www.kirche-koeln.de/wp-content/uploads/2026/08/Impuls136_Wehrdienst_-1.pdf 

Die aktuelle Ausgabe des Jugend-Magazins „Impuls“ vom „Evangelischen Jugendreferat Köln und Region“ beleuchtet anschaulich und gut lesbar viele Themen und Aspekte rund um das Thema Wehrpflicht. 

=> https://www.ardmediathek.de/video/echtes-leben/kirche-krieg-und-mein-gewissen/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIzMTE2MDA 

In dieser sehenswerten SWR-Dokumentation werden verschiedene junge Menschen porträtiert, so dass das Thema Wehrpflicht aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt wird. 

=> https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/denkschrift-welt-in-unordnung-EVA-2025.pdf 

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