Mit großer Trauer und Bewegung habe ich vom Tod von Eleonore Eichenberg erfahren.Viele Erinnerungen sind im Gedenken an sie wieder wach geworden.
Eleonore war von 1978 bis 1981, die meiste Zeit zusammen mit Dr. Geischer (Mungo), Bundesvorsitzende des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Einige Jahre durfte ich sie als damaliges Mitglied der Bundesleitung begleiten, ihr Wirken, ihre Leidenschaft, ihren Einsatz für unseren Verband unmittelbar erleben.
Eleonore hat sich in bewegter Zeit um den Verbund hoch verdient gemacht. Ihre Amtszeit war wesentlich geprägt durch ein Ringen um richtig verstandenes Pfadfindertum, um eine Suche, was uns vereint, welchen Weg wir gemeinsam gehen, welche Inhalte wir gemeinsam vertreten können und wollen. Die Meinungen hierzu waren in den VCP Ländern durchaus unterschiedlich. Das VCP Land Rheinland-Pfalz/Saar ging zum Beispiel mit einer eigenen Beitragsordnung in diesen Jahren einen Sonderweg am Rande des Verbands.
Eleonore hat man vertraut. Dieses Vertrauen zu den Bundesvorsitzenden war ein wichtiger Grund, dass das Land in der Amtszeit von Eleonore und Mungo diese Sonderrolle aufgegeben hat. An dem Ringen um den richtigen Weg hat sich Eleonore zusammen mit Mungo mit Leidenschaft beteiligt und hierbei auch ihren Führungsanspruch als Bundesvorsitzende geltend gemacht. Dies geschah aber immer auch mit dem Bestreben, den Verband zusammenzuhalten. Es galt, Wege zu finden, die wir gemeinsam gehen können, Meinungsunterschiede nicht zu verwischen, aber auszuhalten.
Meine, von ihr unterstützte, damalige Berufung in die Bundesleitung als Referent für die Pfadfinderstufe war sicher auch als Geste an die eher traditionell ausgerichteten Gliederungen des Verbandes zu verstehen.
Eleonore hielt vom Denken in Schablonen wenig, Ihr Verständnis und Bestreben ging dahin, konkret zu werden, zu finden, was wir gemeinsam tun können und dies dann auch zu tun.
Wie ein roter Faden zog sich die Diskussion um Wege zum Frieden durch ihre Amtszeit. Diese Diskussion wurde in unserem ganzen Land in aufgeheizter Stimmung geführt. Beleg dafür mag die Veröffentlichung des „Krefelder Appells“ 1980 gegen die atomare Aufrüstung sein. Die Auseinandersetzung um den richtigen Weg zum Frieden beeinflusste und bestimmte auch die Arbeit in den Gremien des VCP und führte hin und wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. Selbstverständlicher Teil dieser Auseinandersetzungen war auch die Fragestellung, ob Pfadfinder Wehrdienst leisten sollen oder dies verweigern sollten.
Ein wichtiges und vermutlich erst in der Rückschau völlig erkannter Verdienst von Eleonore und Mungo war, dem Thema „Pfadfinder für den Frieden“ nicht auszuweichen, sondern es auf eine für einen Jugendverband angemessene Weise in den Mittelpunkt der Arbeit der Gremien zu stellen. „Pfadfinder für den Frieden“ war so ein wichtiges Thema nahezu aller Sitzungen der Bundesleitung und des Bundesrats in der Amtszeit von Eleonore.Was können wir in dieser insgesamt aufgeheizten Stimmung zusammen tun, darum ging es ihr und die Bundesleitung ist dem gefolgt. Ihre intensive Bindung an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder vor Ort jenseits der Gremien hat in diesen Jahren sicher dazu beigetragen, die Diskussionen lebensnah zu führen.
In einem Zeitungsartikel über eine Sitzung der Bundesleitung im Jahre 1980 in Hemau habe ich folgendes gefunden: „In Hemau wurde neben der Beschlussfassung zu aktuellen Fragen vor allem über die weitere Arbeit am Schwerpunkt „Pfadfinder für den Frieden“ gesprochen. In einer Veranstaltungskette sollen Jugendlichen Wege aufgezeigt werden, sich in ihren Gruppen mit den verschiedenen Aspekten dieses Themas zu befassen. Dabei geht es dem Pfadfinderverband zunächst darum, internationale Begegnung als Mittel der Völkerverständigung sichtbar zu machen und durch solche Begegnungen zu einem besseren Zusammenleben und Abbau von Vorurteilen beizutragen.“ Internationale Begegnungen als Mittel der Völkerverständigung zu begreifen und sie auch entsprechend zu gestalten war also eine wichtige Konsequenz dieser Diskussionen.
Als Alternative für das im Iran vorgesehene und dann abgesagte Jamboree wurde eine Bundesunternehmung in Ägypten angeboten. Dies kann man sicher als eine Vorstufe zu den heutigen inhaltlich anspruchsvollen Bundesfahrten ansehen.
Als eine weitere Konsequenz aus den Diskussionen über den richtigen Weg zum Frieden wurde ein gemeinsames Rüstzeitangebot unseres Verbandes für Pfadinder im Wehrdienst und Pfadfinder, die den Wehrdienst verweigerten, ins Leben gerufen. Diese Rüstzeit, unterstützt von der Seelsorge für Zivildienstleistende und der Militärseelsorge, wurde mehrere Jahre als Diskussionsforum angeboten und von vielen Pfadfindern Jahr für Jahr gerne angenommen.
Viele weitere Dinge wurden diskutiert und in die Wege geleitet: Eine neue Konzeption für die Zeitschriften wurde beschlossen. Eine neue Spielidee wurde entwickelt und diskutiert. Die Gestaltung der Burg Rieneck als Bildungszentrum des VCP wurde in Angriff genommen. Erste Schritte für die Einrichtung eines VCP-Archivs wurden in die Wege geleitet.
Auf das Ende ihrer Amtszeit sehe ich mit etwas Wehmut zurück. Im Jahre 1981 entschloss sich die Bundesversammlung nach innerverbandlichen Problemen mit der Einrichtung einer kommissarischen Bundesleitung ohne sie einen neuen Weg zu gehen. Dies war für sie sicher schmerzhaft.
Eleonore hat sich um den VCP verdient gemacht. Über ihrem Wirken steht das Verdienst, dass der Verband in schwieriger Zeit zusammengehalten wurde. Über ihrem Wirken steht der Beitrag, dass der Verband die Probleme unseres Landes aufgenommen, auf jugendgemäße Weise diskutiert und immer wieder zu gemeinsamem Handeln gefunden hat. Über ihrem Wirken steht die Klarheit, dass evangelisches Pfadindertum keine unverbindliche Freizeitbeschäftigung ist, sondern einen Beitrag zur Wohlfahrt unseres Landes leisten kann.
All dies geschah in dem Willen, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen und jenseits der Diskussionen in gutem Willen das zu tun, was man gemeinsam tun kann.
Diese Gedanken sehe ich auch als ihr wesentliches Vermächtnis.
Wir haben ihr zu danken.
Hans Peter von Kirchbach

