{"id":4682,"date":"2016-05-12T14:50:12","date_gmt":"2016-05-12T12:50:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=4682"},"modified":"2016-06-01T16:21:35","modified_gmt":"2016-06-01T14:21:35","slug":"ein-weisser-exot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/internationales\/ein-weisser-exot\/","title":{"rendered":"Ein wei\u00dfer Exot"},"content":{"rendered":"<h2>Pfadfinden und Woodbadge in Nigeria<\/h2>\n<p><em>Von Volker Distel<\/em><\/p>\n<p>Geschafft! Endlich sitze ich \u2013 der tropisch feuchten Hitze entronnen &#8211; verschwitzt in der klimatisierten Lufthansa-Maschine und lehne mich aufatmend im Sitz zur\u00fcck. Eine Stewardess bietet kalte Getr\u00e4nke an. Die Maschine steht noch in Lagos, kann aber nicht vor 24 Uhr abheben, denn in Frankfurt d\u00fcrfen wir nicht vor sechs Uhr landen, und der Flug dauert gerade sechs Stunden. Schon das Einchecken ist ein Abenteuer f\u00fcr sich. Das Gep\u00e4ck geht n\u00e4mlich nicht gleich aufs F\u00f6rderband, sondern man bekommt es zur\u00fcck und muss damit zum Zoll. F\u00fcnf nigerianische Zollbeamte stehen vor mir und einer sagt etwas unwirsch \u201eopen!\u201c (also: aufmachen). Man sucht nach Artikeln, die nicht ausgef\u00fchrt werden d\u00fcrfen, z.B. alte Schnitzereien oder Elfenbein. Aber es geht immer auch darum, irgendwas zu finden, mit dem man den Reisenden Schwierigkeiten machen und sie unter Druck setzen kann. Mit ein paar netten Worten und Scheinchen kann man die Prozedur allerdings etwas abk\u00fcrzen. Die Uhren gehen in Nigeria anders und man muss sich wohl oder \u00fcbel anpassen.<\/p>\n<h2>Das hilfreiche Pfadfinderhemd<\/h2>\n<p>Aber es geht auch anders. Nach zw\u00f6lf Jahren beruflichem Aufenthalt in diesem Land wusste ich nat\u00fcrlich, was mich am Flughafen Murtala Mohammed erwartet und hatte mich entsprechend vorbereitet. Als ich meinen Kofferdeckel aufklappte leuchtete uns mein dunkelgr\u00fcnes nigerianisches Pfadfinderhemd mit Halstuch und Staatswappen entgegen, das ich vorsorglich un\u00fcbersehbar ganz obenauf drapiert hatte. Der Z\u00f6llner stutzte \u2013 vor Uniformen haben alle noch Respekt \u2013 war kurz sprachlos und fragte dann \u201eAre you scout?\u201c Ich best\u00e4tigte und zeigte ihm meinen Mitgliedsausweis der nigerianischen Pfadfinderorganisation. Das hat er wohl nicht erwartet. Die Reaktion kam prompt: \u201eclose\u201c (zumachen) und ich war durch. Das Handgep\u00e4ck wurde nicht mehr kontrolliert und meine Sachen konnten aufs Band.<\/p>\n<h2>Nwabuko erlebt den ersten Schnee seines Lebens<\/h2>\n<p>Vor zwei Wochen war ich zu einem Woodbadge-Kurs in Lagos angekommen und zwei Pfadfinderfreunde holten mich am Flughafen ab. Einer davon war Nwabuko, den ich 2007 anl\u00e4sslich des hundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums von Pfadfinden nach Deutschland eingeladen hatte. Wir erinnerten uns. Einmal fuhr ich mit ihm nach Oberstdorf, um ihm die Berge zu zeigen. Es war September, und als wir mit der Gondelbahn oben auf dem Nebelhorn ankamen, war alles tief zugeschneit. Nwabuko hatte noch nie Schnee gesehen. Es war wie in einem Gefrierfach, hat er sp\u00e4ter erz\u00e4hlt, aber gefroren hat er nicht. Wir hatten ihn gut ausstaffiert, unseren Afrikaner, siebenfach Klamotten \u00fcbereinander.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen musste ich von Lagos weiter nach Enugu im S\u00fcdosten Nigerias, dem fr\u00fcheren Biafra, fliegen, wo ich die zw\u00f6lf Jahre gelebt und gearbeitet hatte. Und von dort ging es nochmal drei Stunden mit einem Gel\u00e4ndewagen zum eigentlichen Ziel, einem Camp (Schul-Areal) in Umuahia, wo der Kurs stattfinden und ich als Trainer mitmachen sollte.<\/p>\n<p>Unterwegs gab es viele Polizeikontrollen, die aber nicht nur kontrollieren, sondern in der Regel auch etwas Geld erwarten, besonders, wenn sie einen wei\u00dfen Passagier entdecken. Wir \u2013 zu sechst im Auto \u2013 kamen jedoch dank unserer Pfadfinder-Uniformen ungeschoren durch.<\/p>\n<h2>Duschen ohne Wasser\u00a0 &#8211; und Strom gibt es abends<\/h2>\n<p>Im Camp angekommen war ein Geb\u00e4ude f\u00fcr die Officers, das Kursteam, reserviert und ich durfte mir das Zimmer aussuchen. Ich fand eines, in dem neben dem Wohnraum mit Bettgestell, Tisch und Stuhl sogar noch ein kleines Badezimmer mit Badewanne, Waschbecken und Toilette vorhanden war. Nur, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, kein Wasser. Das mussten wir dann t\u00e4glich mit Eimern von einem Tank holen. An Baden oder Duschen war also nicht zu denken, aber immerhin waschen konnte ich mich. Strom gab es nur in den Abendstunden vom Generator, alle Steckdosen waren dann von den Handys belegt.<\/p>\n<h2>Deutsch-afrikanische Tauschgesch\u00e4fte<\/h2>\n<p>Wie ich Woodbadge-Trainer geworden bin? Als ich damals beruflich nach Nigeria versetzt worden bin, habe ich gleich wieder Kontakt zu Pfadfindern aufgenommen. Daraus haben sich Freundschaften entwickelt und auch eine Partnerschaft zu deutschen Pfadfindern entstand. Viermal wurden wir von einer VCP-Gruppe aus Stuttgart besucht und haben tolle Unternehmungen miteinander durchgef\u00fchrt und Abenteuer erlebt. Ganz scharf waren die deutschen Pfadis auf die besonders gro\u00dfen H\u00f6rner der nigerianischen Rinder. Die Nigerianer haben sie sch\u00f6n pr\u00e4pariert und ich sie gelegentlich im Koffer mit nach Deutschland genommen. Im Gegenzug haben die Deutschen gebrauchte Vierecksplanen von der Bundeswehr besorgt, die dann als Beipack in einem Frachtcontainer nach Nigeria gekommen sind. Zelte haben die afrikanischen Pfadis hier so gut wie keine.<\/p>\n<p>Ein besonderes Erlebnis war eine Fahrt zum Abraka-River. Ein Fluss mitten im Dschungel. Glasklares Wasser, wei\u00dfer Sand auf dem Grund, starke Str\u00f6mung. Wir lie\u00dfen uns mit dem Auto ein paar Kilometer flussaufw\u00e4rts fahren und haben uns dann in geliehenen LKW-Schl\u00e4uchen abw\u00e4rts treiben lassen. Unterwegs kurze Rast im Wasser an Lianen h\u00e4ngend oder auf einem kleinen Steg in der Sonne sitzend. Das hat riesigen Spa\u00df gemacht und \u00fcber eine Stunde gedauert.<\/p>\n<h2>Ein wei\u00dfer Exot bringt Internationalit\u00e4t<\/h2>\n<p>Ich selbst hatte keine eigene Pfadfindergruppe in Nigeria, habe aber viele besucht und bin auch oft zu Veranstaltungen auf lokaler und nationaler Ebene eingeladen worden. Als wei\u00dfer Exot war ich gerne gesehen, habe ich doch ein bisschen Internationalit\u00e4t einbringen k\u00f6nnen. Auch bei Schulungen war ich mit dabei und habe mich selbst \u201eweiter qualifiziert\u201c, bis ich letztlich gecharged (bl\u00f6des Wort), d.h. in das nigerianische Schulungsteam aufgenommen worden bin, in dem ich auch jetzt noch aktiv mitmache.<\/p>\n<h2>Unsere Stufenkonzeption in Nigeria<\/h2>\n<p>Mir macht es Spa\u00df, dort mitzuwirken, zumal ich deren etwas starren Schulungskonzeption neue Impulse geben kann. Ein Beispiel ist das \u201eDynamic System\u201c, das unserer VCP Stufenkonzeption entspricht. Hier hat der VCP eine gute Arbeit geleistet und ich habe Teile davon ins Englische \u00fcbersetzt, besonders die detaillierte Ausarbeitung der Altersstufen und die Definition der Entwicklungsbereiche. Aber auch Karte und Kompass ist eines meiner Themen. Man muss wissen, dass es dort au\u00dfer gro\u00dfen Stra\u00dfenkarten keine topografischen oder Wanderkarten gibt und auch keine Kompasse. So nehme ich jedes Mal ein halbes Dutzend Kompasse mit, die ich dann f\u00fcr weitere Schulungszwecke dort lasse.<\/p>\n<h2>Woodbadge \u2013 ein gro\u00dfes Event<\/h2>\n<p>Die offizielle Er\u00f6ffnung eines Woodbadge-Kurses ist jeweils ein gro\u00dfes Event und es wird die lokale Prominenz dazu eingeladen. In Nigeria gibt es mehrere Woodbadge-Kurse im Jahr. Sowohl die normalen WB-Kurse f\u00fcr Leader\/Leiter als auch ALT- (Assistant Leader Trainer) und LT- (Leader Trainer) Kurse f\u00fcr Ausbilder. Ein WB-Kurs hat bis zu 40 Teilnehmer, aufgeteilt in etwa f\u00fcnf Kurs Patrols, und zehn Personen im Leitungsteam (einschlie\u00dflich Material und Verpflegung). Wichtig ist das obligatorische Kursfoto, auf dem alle Teilnehmer durchnummeriert werden und das auch als Nachweis f\u00fcr die Teilnahme dient.<\/p>\n<p>\u201ePlease fasten your seat belts\u201c. Die Ansage holt mich aus meinen Gedanken zur\u00fcck. Die Maschine rollt an. Ein letzter Blick aus dem Fenster in die dunkle Nacht. Afrika, ich komme wieder.<\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-4682 gallery-columns-4 gallery-size-thumbnail'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/03-Nigeria-005-e1464790769795.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/03-Nigeria-005-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/03-Nigeria-005-150x150.jpg 150w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/03-Nigeria-005-45x45.jpg 45w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/04-Nigeria-003.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/04-Nigeria-003-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/04-Nigeria-003-150x150.jpg 150w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/04-Nigeria-003-45x45.jpg 45w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/07-Nigeria-004.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/07-Nigeria-004-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/07-Nigeria-004-150x150.jpg 150w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/07-Nigeria-004-45x45.jpg 45w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/12-Nigeria-006.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/12-Nigeria-006-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/12-Nigeria-006-150x150.jpg 150w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/12-Nigeria-006-45x45.jpg 45w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure>\n\t\t<\/div>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfadfinden und Woodbadge in Nigeria Von Volker Distel Geschafft! 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