{"id":3503,"date":"2015-10-16T18:42:53","date_gmt":"2015-10-16T16:42:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=3503"},"modified":"2015-10-25T17:16:57","modified_gmt":"2015-10-25T15:16:57","slug":"erklaeren-ist-unsere-hauptaufgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/allgemein\/erklaeren-ist-unsere-hauptaufgabe\/","title":{"rendered":"Erkl\u00e4ren ist unsere Hauptaufgabe\u2026"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Carla_Singer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-3506\" src=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Carla_Singer-225x300.jpg\" alt=\"Carla_Singer\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Carla_Singer-225x300.jpg 225w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Carla_Singer.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>Carla Singer, VCPerin, 25 Jahre aus M\u00fcnchen arbeitet zurzeit als Teamleiterin in der Fl\u00fcchtlingshilfe.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Diane Tempel-Bornett.<\/p>\n<h2>VCP: Carla, kannst du uns erz\u00e4hlen, was du genau machst?<\/h2>\n<p><strong>Carla:<\/strong> Ich betreue mit einem Team von sechs Frauen und zwei M\u00e4nnern 36 unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge. Das hei\u00dft, sie fallen offiziell unter das Jugendhilfegesetz und werden in eigenen H\u00e4usern, separat von den Erwachsenen, untergebracht.<\/p>\n<h2>VCP: Man sieht in der Berichterstattung eigentlich fast nur junge M\u00e4nner.<\/h2>\n<p><strong>Carla:<\/strong> Das ist in der Regel auch so, zumindest bei den Jugendlichen. \u00dcberleg mal die Situationen, aus denen die Fl\u00fcchtlinge kommen. Da schickt man keine M\u00e4dchen allein in ein fremdes Land oder auf die Flucht. Die wenigen M\u00e4dchen, die herkommen, sind oft Waisen oder vor Zwangsheirat, Gewalt oder Genitalverst\u00fcmmelung gefl\u00fcchtet. Viele M\u00e4dchen, die hier ankommen, haben ganz schlimme Dinge erlebt. Bei den erwachsenen Fl\u00fcchtlingen gibt es allerdings viele Familien mit M\u00fcttern und T\u00f6chtern. Die werden von der Presse aber seltener fotografiert. Warum auch immer.<\/p>\n<h2>VCP: Woher kommen die Jugendlichen in eurer Einrichtung?<\/h2>\n<p><strong>Carla:<\/strong> Das wechselt. Im Moment kommen viele aus Afghanistan, aber auch aus Somalia, Eritrea und Syrien. Und ein paar auch aus L\u00e4ndern wie Kosovo, Pakistan, Bangladesch, Gambia. Also auch aus L\u00e4ndern, die angeblich sicher sind.<\/p>\n<h2>VCP: Erz\u00e4hlen die Jugendlichen \u00fcber ihre Heimat und ihre Fluchtgr\u00fcnde?<\/h2>\n<p><strong>Carla:<\/strong> Manche erz\u00e4hlen schon, aber nat\u00fcrlich wei\u00df man nicht, ob das alles stimmt oder ob man ihnen gesagt hat, was sie sagen sollen. Viele fl\u00fcchten vor dem Krieg, viele haben auch alles verloren. Manche Jungen aus Eritrea fl\u00fcchten vor dem Milit\u00e4rdienst. Manche fl\u00fcchten auch vor pers\u00f6nlicher Verfolgung. Es gibt auch Jugendliche, die nach Europa kommen weil sie homosexuell sind. 1Darauf steht in einigen Herkunftsl\u00e4ndern die Todesstrafe. Wir erkl\u00e4ren ihnen dann behutsam, dass das in Deutschland nicht verfolgt wird.<\/p>\n<h2>VCP: Die Menschen m\u00fcssen ja auch einiges erkl\u00e4rt bekommen \u2013 davon wie das Leben hier funktioniert bis zu den Kulturunterschieden.<\/h2>\n<p><strong>Carla:<\/strong> Allerdings. Das ist auch eine unserer Hauptaufgaben. Das geht los damit, dass man den jungen Menschen erkl\u00e4rt, dass sie wenn sie zum Haareschneiden gehen, eine Quittung mitbringen m\u00fcssen, damit es abgerechnet werden kann. Quittungen sind wichtig, sonst m\u00fcssen sie es vom Taschengeld zur\u00fcckbezahlen. Das ist f\u00fcr viele Nicht-Deutsche schwer nachvollziehbar, aber so ist das hier mit \u00f6ffentlichen Geldern.<br \/>\nAber genauso muss man ihnen auch erkl\u00e4ren, dass die Leute nur wenige Klamotten tragen, wenn es warm ist und dass sich hier niemand dran st\u00f6rt. Oder beim Oktoberfest ausgeschnittene Dirndl und kurze Lederhosen. Und wir m\u00fcssen ihnen nicht nur die Welt erkl\u00e4ren, sondern auch, wie man sich hier benimmt und mit ungewohnten Dingen umgeht.<\/p>\n<h2>VCP: Wenn die Fl\u00fcchtlinge bei euch ankommen, was passiert dann<\/h2>\n<p><strong>Carla:<\/strong> Sie ben\u00f6tigen erstmal eine medizinische Grundversorgung. Viele waren monatelang auf der Flucht, teilweise unter schlimmsten Bedingungen und haben entsprechende k\u00f6rperliche Beeintr\u00e4chtigungen davon getragen. Sie ben\u00f6tigen medizinische Hilfe. Dann brauchen sie Papiere und Kleidung. Und dann auch Schulpl\u00e4tze. Es gibt Drei-Monatskurse, damit sie ein Grundwissen der deutschen Sprache erlernen. Manche m\u00fcssen \u00fcberhaupt erst alphabetisiert werden. Dann k\u00f6nnen sie in Berufsschulen oder weiterf\u00fchrende Schulen gehen. Wir betreuen die Jugendlichen rund um die Uhr, tags\u00fcber mit p\u00e4dagogischem Fachpersonal, nachts sind Securities da. Zweidrittel der Fl\u00fcchtlinge gehen anschlie\u00dfend in betreute Wohneinrichtungen f\u00fcr Jugendliche.<\/p>\n<h2>VCP: und das dritte Drittel?<\/h2>\n<p><strong>Carla:<\/strong> Einige werden vollj\u00e4hrig, bevor sie einen Platz bekommen, einige ziehen weiter in andere L\u00e4nder, ein paar haben Familie in Deutschland und k\u00f6nnen dort leben. Hin und wieder klappt es auch mal, dass sie in eine Pflegefamilie kommen. Viele Jugendliche, die sehr selbstst\u00e4ndig sind, k\u00f6nnen auch in eigene Wohnungen ziehen, wo sie nur noch bei Bedarf Hilfe von Sozialarbeitern bekommen.<\/p>\n<h2>VCP: Wie verst\u00e4ndigt ihr euch?<\/h2>\n<p><strong>Carla:<\/strong> Meist mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen. Wir k\u00f6nnen auch Dolmetscher bestellen. Und die Jugendlichen lernen super schnell Deutsch!<\/p>\n<h2>VCP: Wie geht es den Jugendlichen dann, wenn sie hier angekommen sind?<\/h2>\n<p><strong>Carla:<\/strong> Bei manchen hat die ganze Familie, teilweise das ganze Dorf zusammenlegt, damit sie die Flucht bezahlen k\u00f6nnen. Darauf ruht dann die Hoffnung. Dass sie Geld verdienen und das dann nach Hause schicken k\u00f6nnen. Oder die anderen nachholen. Aber wenn sie dann hier sind, realisieren sie schnell, dass das alles nicht so einfach geht. Das wollen sie ihren Familien gegen\u00fcber aber nicht zugeben, egal, wie schlecht es manchen Leuten hier geht, bei dem hohen Preis den der Rest der Familie bezahlt hat. Und es ist auch etwas dran \u2013 f\u00fcr viele ist selbst ein monatelanger Aufenthalt im Fl\u00fcchtlingslager oder jahrelanges Warten auf Arbeit besser als das Leben zuhause in den Herkunftsl\u00e4ndern. Und das sage ich auch bei allen Diskussionen zu Thema Fl\u00fcchtlinge oder Abschiebung. Es ist unsere Pflicht, den Fl\u00fcchtlingen zu helfen. Und die meisten fassen doch recht schnell Fu\u00df und sind motiviert, etwas zu erreichen. Manche fangen bereits nach ihrem ersten Jahr in Deutschland eine Ausbildung an oder schreiben ihr deutsches Abitur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carla Singer, VCPerin, 25 Jahre aus M\u00fcnchen arbeitet zurzeit als Teamleiterin in der Fl\u00fcchtlingshilfe. Das Interview f\u00fchrte Diane Tempel-Bornett. VCP: Carla, kannst du uns erz\u00e4hlen, was du genau machst? Carla: Ich betreue mit einem Team von sechs Frauen und zwei M\u00e4nnern 36 unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge. 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