{"id":31375,"date":"2024-01-22T09:29:00","date_gmt":"2024-01-22T08:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=31375"},"modified":"2026-01-30T17:19:51","modified_gmt":"2026-01-30T16:19:51","slug":"haeufige-fragen-zur-aufarbeitung-sexualisierter-gewalt-im-vcp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/aufarbeitung\/haeufige-fragen-zur-aufarbeitung-sexualisierter-gewalt-im-vcp\/","title":{"rendered":"H\u00e4ufige Fragen zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im VCP"},"content":{"rendered":"<h3>\u00a0<\/h3>\n<h3>Fragen zum Aufarbeitungsprozess<\/h3>\n<h4>Was bedeutet Aufarbeitung?<\/h4>\n<p>Anders als in einem strafrechtlichen Verfahren geht es nicht darum, T\u00e4ter*innen zu identifizieren und zu verurteilen, da die F\u00e4lle oft bereits verj\u00e4hrt sind. Unsere Absicht ist es, die Kultur des Schweigens in Bezug auf sexualisierte Gewalt in der Vergangenheit zu durchbrechen und eine Auseinandersetzung mit diesem Thema innerhalb des Verbands zu f\u00f6rdern. Daf\u00fcr wurden \u00fcber einen Zeitraum von 2,5 Jahren abgeschlossene Interventionsf\u00e4lle zwischen 1973 und 2020 untersucht.<\/p>\n<h4>Was ist das Ziel der Aufarbeitung?<\/h4>\n<p>In erster Linie wollen wir Betroffenen Geh\u00f6r verschaffen und erlittenes Unrecht klar und \u00f6ffentlich anerkennen. Dar\u00fcber hinaus hilft uns die Aufarbeitung dabei Strukturen im VCP aufzudecken, die die Taten beg\u00fcnstigt und verschleiert haben. So k\u00f6nnen wir daraus Konsequenzen ziehen und unsere Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen weiter verbessern.<\/p>\n<h4>Warum hat der VCP erst jetzt mit einer fl\u00e4chendeckenden Aufarbeitung regiert?<\/h4>\n<p style=\"font-weight: 400\">Die F\u00e4lle sind auf unterschiedliche Weise an uns herangetragen geworden, manche erst nach vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten. Das gilt insbesondere f\u00fcr die Bundesebene. Dort sind seit 2018\/2019 vermehrt Altf\u00e4lle gemeldet worden, sodass 2020 der Beirat zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im VCP gegr\u00fcndet wurde. Ein definierter Umgang mit dem Thema hat sich aber schon seit 2005 entwickelt und liegt nun endlich fl\u00e4chendeckend vor.<\/p>\n<h4>Wer f\u00fchrt die Studie durch?<\/h4>\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Studie wurde von Wissenschaftler*innen der Forschungsinstitute IPP (Institut f\u00fcr Praxisforschung und Projektberatung) und Dissens \u2013 Institut f\u00fcr Bildung und Forschung e.V. durchgef\u00fchrt. Sie \u00fcbernehmen die Verantwortung f\u00fcr das Forschungsdesign, die Auswahl der Zug\u00e4nge zum Forschungsfeld, die Auswahl der Quellen, die Datenerhebung sowie Datenauswertung. Die beiden Forschungsinstitute sind unabh\u00e4ngig und haben keine Verbindungen zum VCP, zu Kirchen oder politischen Organisationen.<\/p>\n<h4>Wie geht VCP mit Betroffenen und Beschuldigten um? Welche Hilfsangebote\/Unterst\u00fctzungsangebote gibt es?<\/h4>\n<p>Der Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) geht betroffenenorientiert mit F\u00e4llen von Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt um. Im Mittelpunkt stehen die Bed\u00fcrfnisse und der Schutz der Betroffenen, die durch geschulte Vertrauenspersonen begleitet, durch externe Fachstellen unterst\u00fctzt und bei Bedarf mit einer kostenlosen rechtlichen Erstberatung durch eine Fachanw\u00e4ltin gest\u00e4rkt werden. Als Mitglied im Erg\u00e4nzenden Hilfesystem (EHS) ist der VCP zudem Teil eines bundesweiten Netzwerks, das zus\u00e4tzliche professionelle Hilfe bietet. Das EHS im institutionellen Bereich bietet Menschen, die w\u00e4hrend ihrer Kindheit oder Jugend in einer Institution sexualisierte Gewalt erfahren haben, Unterst\u00fctzungsleistungen (Sachleistungen bis zu 1.000 Euro) an. Sachleistungen sind zum Beispiel (Psycho-)Therapien, medizinische Dienstleistungen oder Aus- und Weiterbildungsma\u00dfnahmen. Zudem findet j\u00e4hrlich ein Vernetzungstreffen f\u00fcr Betroffene sexualisierter Gewalt im Pfadfinderkontext statt.<br \/>Gleichzeitig wird mit Beschuldigten verantwortungsvoll umgegangen. Vorw\u00fcrfe werden sorgf\u00e4ltig dokumentiert und auf Plausibilit\u00e4t gepr\u00fcft, Entscheidungen stets gemeinsam im Interventionsteam getroffen und \u2013 falls notwendig \u2013 Konsequenzen wie Ausschl\u00fcsse oder die Einschaltung von Beh\u00f6rden eingeleitet, um Transparenz und Sicherheit f\u00fcr alle Beteiligten zu gew\u00e4hrleisten<\/p>\n<h4>Wie geht der VCP aktuell bei Verdachtsf\u00e4llen vor?<\/h4>\n<p>Neben Pr\u00e4vention gibt es auch eine Struktur bei Verdachtsf\u00e4llen: Es gibt auf Landes- und Bundesebene Vertrauenspersonen und Pr\u00e4ventionsbeauftragte, die bei Beobachtungen kontaktiert werden k\u00f6nnen. Es gibt einen Handlungsleitfaden bei Verdacht auf Grenzverletzungen oder sexualisierte \u00dcbergriffe und ein Dokumentationskonzept.<\/p>\n<h4>Was macht der VCP, um \u00dcbergriffe zu verhindern?<\/h4>\n<p>Seit 2005 setzt sich der VCP intensiv mit dem Thema Pr\u00e4vention sexualisierter Gewalt auseinander. Es wurden in den letzten Jahren vielf\u00e4ltige Strukturen, Konzepte und Materialien entwickelt. Leiter*innen sowie Verantwortliche aller Ebenen im VCP m\u00fcssen sich mit Pr\u00e4vention und Kindesschutz auseinandersetzen. Es ist Bestandteil unserer Schulungen. Die Abgabe eines erweiterten F\u00fchrungszeugnisses f\u00fcr Mitarbeitende ist Pflicht.<br \/>Unser Schutzkonzept soll einen Raum f\u00fcr Kinder und Jugendliche schaffen, in dem nicht nur Missbrauch sowie Misshandlung keinen Platz haben, sondern in dem im t\u00e4glichen Miteinander achtsam miteinander umgegangen wird und Grenzen respektiert werden. Zudem erziehen wir in den kleinen Gruppen Kinder schon fr\u00fch zu Selbstbewusstsein, Artikulationsf\u00e4higkeit und den Mut, selbst Grenzen zu setzen.<\/p>\n<h4>Greifen die Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen bisher? Woran wird das gemessen?<\/h4>\n<p style=\"font-weight: 400\">Seit 2010 wird das Pr\u00e4ventionskonzept bundesweit angewendet. Das spiegelt sich auch in der Studie wider. Die Zahl der Meldungen niedrigschwelliger F\u00e4lle und Grenzverletzungen ist deutlich gestiegen. Das Sprechen \u00fcber sexualisierte Gewalt\/Grenzverletzungen wird im Verband offener gelebt. Dass h\u00e4ufiger als fr\u00fcher Interventionsf\u00e4lle gemeldet werden, zeigt uns, dass ein st\u00e4rkeres Problembewusstsein existiert und m\u00f6glicherweise auch ein gr\u00f6\u00dferes Vertrauen in die verbandlichen Strukturen besteht.<br \/>Wir m\u00fcssen trotzdem davon ausgehen, dass es bei uns im Verband weiterhin eine Dunkelziffer gibt. \u00dcbergriffe sind dort m\u00f6glich, wo es soziale Strukturen und eine unterschiedliche Machtverteilung gibt: in Familien, im Beruf, in Schulen, in Sportvereinen und auch in Jugendverb\u00e4nden. Wir tun jedoch alles daf\u00fcr, dass die Chancen f\u00fcr Missbrauch m\u00f6glichst klein sind.<\/p>\n<h4>Was wird sich durch die Studie \u00e4ndern?<\/h4>\n<p>Der VCP wird aus den Ergebnissen der Studie Empfehlungen, Hinweise und Aufgaben f\u00fcr sich ableiten. Wir werden unser Schutzkonzept und unsere Pr\u00e4ventionsarbeit \u00fcberpr\u00fcfen und weiterentwickeln. Unter anderem findet vom 13. bis zum 15. November 2026 auf Burg Rieneck eine Fachkonferenz statt, deren Ziel es ist, die Ergebnisse der Studie f\u00fcr den Verband nutzbar zu machen und daran zu arbeiten.<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fragen zu den Studienergebnissen<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wie viele F\u00e4lle wurden in der Studie gemeldet?\u202f\u202f\u00a0<\/h4>\n\n\n\n<p>In die Studie flossen Akten zu 100 (Verdachts-)F\u00e4llen sexualisierter Gewalt ein. Mindestens 344 Personen sind von sexualisierte Gewalt betroffen. 161 Personen habe sexualisierte Gewalt ver\u00fcbt oder wurden dessen beschuldigt. Von Verdachtsf\u00e4llen sprechen wir, wenn diese juristisch bereits verj\u00e4hrt sind und eine strafrechtliche Verurteilung ausgeschlossen ist.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wo fanden diese statt?<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Studie setzt sich mit Meldungen aus dem gesamten Bundesgebiet auseinander. Mehr als die H\u00e4lfte der Taten fand auf Lagern oder Fahrten statt.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"2\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"3\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">In welchen Zeitraum fanden diese (evtl. vermehrt) statt?<\/h4>\n\n\n\n<p>In allen Jahrenzehnten des Untersuchungszeitraums von 1973 bis 2024 fand sexualisierte Gewalt statt. 60 % der dokumentierten und analysierten F\u00e4lle wurde nach dem Jahr 2000 ver\u00fcbt.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"4\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wie ist das Geschlechterverh\u00e4ltnis?<\/h4>\n\n\n\n<p>Bei 313 Betroffenen konnte das Geschlecht ermittelt werden. Davon sind 60 % weiblich und knapp 40 % m\u00e4nnlich. Weniger als 1 % wurde als divers genannt. Zwei Drittel der Betroffenen waren bei Tatbeginn zwischen 13 und 17 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Beschuldigten sind 158 m\u00e4nnlich und 3 weiblich. Nahezu die H\u00e4lfte dieser Personen war zum Tatzeitpunkt zwischen 18 und 24 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"4\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Welche VCP-spezifischen strukturellen Bedingungen wurden in der Studie ausgemacht?\u00a0<\/h4>\n\n\n\n<p>Es gab \u00fcber die Jahrzehnte hinweg Rituale und Traditionen, die grenzverletzende Tendenzen aufweisen und Kinder gegen\u00fcber \u00dcbergriffen teilweise desensibilisieren konnten. Zugleich kann die Idealisierung des tief im Pfadfinden verwurzelt Gemeinschaftsgef\u00fchls zu einer kollektiven Verkl\u00e4rung f\u00fchren, die individuelle Bed\u00fcrfnisse, Machtgef\u00e4lle und Anh\u00e4ngigkeiten ignoriert. T\u00e4ter*innen in Leitungspositionen wurde so das Aus\u00fcben sexualisierter Gewalt erleichtert. Eine unbedingte Hingabe und eine als alternativlos angesehene Loyalit\u00e4t zum Stamm f\u00fchrten dazu, dass Betroffene sexualisierte Gewalt in manchen Teilen hinnahmen, um die soziale Lebenswelt nicht zu verlieren. <\/p>\n\n\n\n<ol start=\"10\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Werden T\u00e4termotive untersucht? Wie wird man zum T\u00e4ter?<\/h4>\n\n\n\n<p>Als beg\u00fcnstigende Bedingungen f\u00fcr das Aus\u00fcben sexualisierter Gewalt zeigte sich bei den zumeist m\u00e4nnlichen T\u00e4tern eine starke emotionale und soziale Bed\u00fcrftigkeit, die sexuell ausgelebt wird. Die meisten Personen, die im Kontext des VCP sexualisierte Gewalt ver\u00fcbten, hatten eine (l\u00e4ngere) Sozialisation als Pfadfinder*innen hinter sich. T\u00e4ter*innen kommen also nicht von au\u00dfen, sondern sie entwickeln sich innerhalb dieses Sozialisationsmilieus.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"12\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gab es Vertuschungsversuche?<\/h4>\n\n\n\n<p>Eine bewusste Vertuschung im engeren Sinne konnte die Studie nicht belegen. Es l\u00e4sst sich aber oft eine Verschleppung nachvollziehen, die sich keineswegs immer aus Loyalit\u00e4t der Verantwortlichen mit Beschuldigten, sondern aus Handlungsschw\u00e4che und \u00dcberforderung  der Verantwortungstr\u00e4ger*innen ergeben hat. Erst nach nachdem Auff\u00e4lligkeiten sich h\u00e4uften, wurde diesen klar, dass ein konsequentes Durchgreifen schon fr\u00fcher geboten gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Du hast auch noch eine Frage? Dann wende dich an <a href=\"mailto:louisa.kreuzheck@vcp.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">louisa.kreuzheck@vcp.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<ol start=\"13\" class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Fragen zum Aufarbeitungsprozess Was bedeutet Aufarbeitung? Anders als in einem strafrechtlichen Verfahren geht es nicht darum, T\u00e4ter*innen zu identifizieren und zu verurteilen, da die F\u00e4lle oft bereits verj\u00e4hrt sind. 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