{"id":30388,"date":"2023-04-04T16:09:51","date_gmt":"2023-04-04T14:09:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=30388"},"modified":"2023-04-04T16:10:48","modified_gmt":"2023-04-04T14:10:48","slug":"trans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/auf-neuem-pfad\/trans\/","title":{"rendered":"Trans* zu sein ist nichts f\u00fcr Feiglinge."},"content":{"rendered":"<p>von Simon Simmel<\/p>\n<p>Trans* zu sein ist nichts f\u00fcr Feiglinge. Manchmal frag ich mich, ob ich auch versteckt h\u00e4tte leben k\u00f6nnen. Es w\u00e4r so viel einfacher gewesen, bequemer, geradezu normal. Aber die Antwort in mir ist trotzdem sehr klar: Nein. Ich m\u00f6chte echt sein, ich sein, mich zeigen, ohne Maske wahr_genommen werden, wahr sein. Und ich bin nun mal keine Frau. Auch wenn ich zum ersten Mal bei der Geburt und dann immer wieder weiblich einschubladiert wurde und werde. Es gab eine Zeit, da hab ich mich wirklich bem\u00fcht, eine weibliche Identit\u00e4t f\u00fcr mich anzunehmen, weil ich dachte, das sei meine Aufgabe\u2026 Meine G\u00fcte, was bin ich froh, dass da jemand kam, der mir verraten hat, dass mein K\u00f6rper mein Geschlecht nicht determiniert! Dass ich keine Frau bin, die lieber ein Mann w\u00e4re, sondern dass ich einfach keine Frau bin. Vielleicht ein Mann, vielleicht auch einfach nur ein Mensch. Diese Erkenntnis hat mich eine Ebene tiefer in mich selbst fallen lassen. Sie hat mich befreit und mit unb\u00e4ndiger Freude erf\u00fcllt! Voller Euphorie wollt ich es in die Welt hinausrufen, dass ich endlich den Schl\u00fcssel zu meinem Sein gefunden hab.<\/p>\n<p>Leider wurde die Euphorie von der Welt irgendwie nur so mittelm\u00e4\u00dfig geteilt\u2026 Statt ein \u201eOh, wie sch\u00f6n\u201c kam allermeistens ein \u201eH\u00e4?\u201c. Die Kategorie Geschlecht ist ein so starkes und wirksames Konzept, dass ich als Mensch mit M\u00e4nnernamen und \u201eer\u201c als Pronomen, aber mit hoher Stimme, und irgendwie so unb\u00e4rtig, nicht einzuordnen, nicht verstehbar bin. So kommt es, dass die Leute beim Kennenlernen von mir irritiert sind. Mit Unverst\u00e4ndnis reagieren. Mit einem skeptischen Blick, der vom Gesicht zur Brust geht und wieder zur\u00fcck&#8230; Es ist mir ein R\u00e4tsel, wie Leute eigentlich auf die Idee kommen, sie w\u00fcssten besser als ich, welches Geschlecht ich habe! Schnell entsteht so das Gef\u00fchl, dass meine geschlechtliche Identit\u00e4t nicht tolerierbar, nicht aushaltbar, ja unzumutbar ist. Da braucht es meinerseits Mut, guten Willen und eine ordentliche Portion Geduld, um \u00fcberhaupt offen auf neue Menschen zugehen zu k\u00f6nnen. Da bilden die Pfadis leider keine Ausnahme\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch da passiert es, dass sich ungefragt im Kreistanz ein mir Unbekannter zwischen mich und eine Freundin dr\u00e4ngt, weil da ja \u201enoch ein Mann gefehlt habe\u201c, oder dass ich zur Verabschiedung von M\u00e4nnern umarmt werde, die normalerweise nur Frauen umarmen (warum tun sie das eigentlich?!). Oder dass in der Singerunde die Stimmen nach M\u00e4nnern und Frauen sortiert werden statt nach hoch und tief.\u00a0 \u2013 In den meisten F\u00e4llen ist das keine b\u00f6se Absicht! Sondern Gewohnheit und in den meisten F\u00e4llen wahrscheinlich unproblematisch. Aber mir macht es bewusst, dass ich in diesem bin\u00e4ren Denkmuster gar nicht vorkomme, nicht mitgedacht werde. Und das wiederum ist wahrlich nicht immer leicht.<\/p>\n<p>Es hat mich neulich jemand nach f\u00fcnf Jahren gemeinsamer Gremienarbeitstreffen gefragt, warum eigentlich jedes Mal mein Namensschild falsch sei, warum da Simon und nicht Simone steht. Das Schild war nie falsch, nur die Vorstellung in seinem Kopf. Aber klar, man lernt bei den Pfadis sehr schnell und unkompliziert viele neue Leute kennen und dann gibt es ja die verr\u00fccktesten und tollsten Fahrtennamen. Wer rechnet da schon mit einem waschechten Trans*menschen? Tja.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, hier stellt sich die Frage nach Unkompliziertheit vs. Korrektheit. Denn auf den ersten Blick sieht es wahnsinnig kompliziert aus, jetzt auch noch Zwischenmenschen mitzudenken, Menschen \u2013 nach der Erkenntnis, dass man Leuten ihr Geschlecht nicht ansehen kann \u2013 nach ihrem Pronomen zu fragen, mit Sternchen zu gendern, eigene Stereotype zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Doch ich m\u00f6chte vorsichtig einwerfen, dass kompliziert ja nur ist, was man noch nicht ge\u00fcbt hat. Learning by doing!<\/p>\n<p>Ein guter Freund hat mal formuliert, dass es f\u00fcr ihn mit mir einfacher ist als mit anderen Menschen, in echten Kontakt zu treten, weil bei den meisten andern erst noch die Frau- oder Mann-Schablone vor dem eigentlichen Menschen kommt, die irgendwie den Weg versperrt. Man stelle sich also vor, man k\u00f6nnte alle Menschen ohne Geschlechtervorstellungen und -vorurteile kennenlernen! Das w\u00e4re auf eine neue Art sehr unkompliziert, einfach und sch\u00f6n.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und die gute Nachricht ist: Solche Unkompliziertheit ist mir bei den Pfadis auch wirklich schon h\u00e4ufig begegnet!<\/p>\n<p>Da ist das Geschlecht dann einfach irrelevant. Alte Rollenbilder werden \u00fcber Bord geworfen und es ist selbstverst\u00e4ndlich, dass alle kochen, Feuer machen und Gitarre spielen. Hier werden eben wunderbar ent-genderte Fahrtennamen vergeben und zur Verabschiedung alle umarmt, die man mag. Es gibt Tanzwerkst\u00e4tten, bei denen wird nicht in Mann und Frau aufgeteilt, sondern in gelb und gr\u00fcn. Da werden ganze Zeitschriften mit Sternchen gegendert und Artikel wie dieser publiziert. Da d\u00fcrfen queere Menschen einfach sein, gleichgeschlechtliche P\u00e4rchen sind das Normalste der Welt und meine Identit\u00e4t wird, ohne mit der Wimper zu zucken, akzeptiert und verstanden.<\/p>\n<p>Mein Gruppenkind hat (damals 16 Jahre alt) auf mein Outing als trans* eben nicht mit \u201eH\u00e4?\u201c reagiert, sondern mit: \u201eWie sch\u00f6n, dass du so offen damit umgehst!\u201c und eine Lagerbekanntschaft (damals 18) hat mich nach dem dritten verquatschten Abend gefragt, welches Geschlecht ich eigentlich h\u00e4tte und auf meine erstaunte Nachfrage zur bisherigen Vermutung lapidar gemeint: \u201eBisher hab ich mir das offen gelassen.\u201c \u2026 Ich hab gro\u00dfe Hoffnung in die junge Generation!<\/p>\n<p>Und wenn es der so leicht f\u00e4llt, m\u00fcssen wir \u00e4lteren Hasen vielleicht auch nur ein paar Gedanken renovieren und unseren offenen Blick \u00fcben.<\/p>\n<p>Und dann muss ich mir auch nicht mehr immerzu absurderweise so furchtbar viele Gedanken um trans* und Geschlecht machen \u2013 dann ist es endlich einfach egal \ud83d\ude42<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erstver\u00f6ffentlichung: Zeitschrift Stichwort im Heft 207\/2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Simon Simmel Trans* zu sein ist nichts f\u00fcr Feiglinge. 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