{"id":26672,"date":"2022-10-27T07:44:27","date_gmt":"2022-10-27T05:44:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=26672"},"modified":"2022-10-27T10:37:07","modified_gmt":"2022-10-27T08:37:07","slug":"was-macht-das-sternchen-da","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/auf-neuem-pfad\/was-macht-das-sternchen-da\/","title":{"rendered":"Was macht das Sternchen da?"},"content":{"rendered":"<p><em>von Paula Kanzleiter<\/em><\/p>\n<p>Ich bin sehr verliebt in Sprache. Das liegt an vielen Dingen &#8211; sicherlich einmal daran, dass sie in meinem Studium eine gro\u00dfe Rolle spielt und ich mich seit zwei Jahren intensiv damit besch\u00e4ftige, wie man Sprache gleichzeitig m\u00f6glichst pr\u00e4zise und m\u00f6glichst verst\u00e4ndlich gestalten kann. Vor allem aber bin ich verliebt in Sprache, weil sie fast unbemerkt unsere Kultur und unser Verst\u00e4ndnis von der Welt pr\u00e4gt. Sie \u00fcbermittelt Wissen, beschreibt Gef\u00fchle und zeichnet die Geschichten, die wir \u00fcber uns als Menschen und als Gesellschaft erz\u00e4hlen. Wenn wir uns fragen, wer wir sein wollen und in was f\u00fcr einer Gesellschaft wir leben wollen, m\u00fcssen wir uns immer auch mit der Sprache besch\u00e4ftigen &#8211; denn sie bestimmt, wie wir Probleme und ihre L\u00f6sungen beschreiben und wen wir als Teil unserer Gesellschaft anerkennen.<\/p>\n<p>Ein Ph\u00e4nomen der deutschen Sprache ist das \u00bbgenerische Maskulinum\u00ab. Dieser Begriff bezeichnet den Umstand, dass im Deutschen die m\u00e4nnliche Form meist als \u00bbneutrale\u00ab Form verwendet wird. Wir sagen also zum Beispiel \u00bbLehrer\u00ab, wenn wir von Lehrkr\u00e4ften sprechen. Das ist eine Norm, eine gesellschaftliche Gewohnheit, \u00fcber die inzwischen viel diskutiert wird. Immer wieder stellt sich n\u00e4mlich heraus: Das \u00bbgenerische\u00ab Maskulinum ist gar nicht so generisch, wie es tut. In verschiedenen Studien hat sich gezeigt, dass Menschen eher an M\u00e4nner denken, wenn sie nur die m\u00e4nnliche Form h\u00f6ren<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\">i<\/a><\/sup>. Das f\u00fchrt einmal dazu, dass wir ein verzerrtes Weltbild haben. Dar\u00fcber hinaus hat es aber auch eine direkte Auswirkung, die auch uns beim VCP betrifft: F\u00fcr Posten und \u00c4mter, die mit dem generischen Maskulinum beworben werden, werden eher M\u00e4nner vorgeschlagen<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote2sym\" name=\"sdendnote2anc\">ii<\/a><\/sup>. Dass es nur schlecht funktioniert, eine Geschlechtsform f\u00fcr alle Geschlechter zu nutzen, k\u00f6nnt ihr auch einmal an euch selbst ausprobieren &#8211; an wen denkt ihr, wenn ihr den Satz \u00bbDie Mechanikerinnen bauen einen Roboter\u00ab lest?<\/p>\n<h2 class=\"western\">Wo wollen wir hin?<\/h2>\n<p>Wenn ich mir die Welt vorstelle, in der ich leben will, ist das eine, in der alle mit am Tisch sitzen d\u00fcrfen &#8211; unabh\u00e4ngig von beispielsweise Alter, Herkunft, Sexualit\u00e4t und Geschlecht. Ich m\u00f6chte versuchen, alle Menschen anzuerkennen und ich m\u00f6chte versuchen, das in meiner Sprache widerzuspiegeln. Ich will versuchen, Menschen unabh\u00e4ngig von ihrem Geschlecht zu sehen. Langfristig braucht es daf\u00fcr eigentlich eine geschlechtsneutrale Sprache. Trotzdem sprechen viele immer noch von Pfadfinder*innen und nicht von Pfadfindenden. Das liegt daran, dass wir uns so daran gew\u00f6hnt haben, dass M\u00e4nner angesprochen werden, dass auch vermeintlich neutrale W\u00f6rter wie \u00bbpeople\u00ab, \u00bbuser\u00ab oder \u00bbscientist\u00ab eher als m\u00e4nnlich interpretiert werden<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote3sym\" name=\"sdendnote3anc\">iii<\/a><\/sup>. Die Welt, in der wir leben, ist schlicht noch keine geschlechtsneutrale Welt. Bis wir das erreichen, wird es nach aktuellen Recherchen des World Economic Forum noch 132 Jahre brauchen<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote4sym\" name=\"sdendnote4anc\">iv<\/a><\/sup>. Bis dahin braucht es noch eine Sprache, die ganz konkret benennt, dass alle Geschlechter gemeint sind. Wir k\u00f6nnen versuchen, das mit dem Binnen-I (\u00bbPfadfinderInnen\u00ab), einem Schr\u00e4gstrich (\u00bbPfadfinder\/innen\u00ab) oder einem Doppelpunkt (\u00bbPfadfinder:innen\u00ab) zu machen. Oft wird aber das Sternchen verwendet. Das hat einen Grund: Es hat sich an vielen Stellen, an denen von Geschlechterdiversit\u00e4t gesprochen wird, etabliert und soll somit auch f\u00fcr all die Geschlechter au\u00dfer \u00bbMann\u00ab und \u00bbFrau\u00ab stehen. Im Gegensatz zu den anderen Schreibweisen, die einfach nur auf die zus\u00e4tzliche weibliche Form verweisen, werden hier non-bin\u00e4re Menschen nicht vergessen. Auch der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband bittet darum, dass man das Sternchen nutzt, wenn man gendern will.<\/p>\n<p>Wenn man \u00bbPfadfinder*innen\u00ab schreibt, finden sich darin also ganz viele verschiedene Formen wieder. Wir werden nicht alle zur \u00bbPfadfinder*in\u00ab, sondern k\u00f6nnen wissen, dass unser Geschlecht in dem Wort mit drinsteckt. Ich w\u00fcrde also sagen: \u00bbIch bin eine Pfadfinderin von vielen Pfadfinder*innen\u00ab &#8211; und dabei niemanden vergessen. Auch f\u00fcr die Aussprache gibt es viele verschiedene Ans\u00e4tze. Meistens wird eine kleine Pause dort, wo das Sternchen ist, eingebaut, so, wie man das zum Beispiel auch bei \u00bbbeachten\u00ab zwischen <i>a<\/i> und <i>e<\/i> macht.<\/p>\n<p>All das hei\u00dft nicht, dass irgendwer irgendwen dazu zwingen will, das Gendersternchen zu benutzen. Weiterhin gilt: Eure Sprache geh\u00f6rt euch und wie ihr sie nutzt, k\u00f6nnt nur ihr selbst entscheiden. Und auch, wenn ihr jetzt anfangen wollt, eure Sprache anzupassen, k\u00f6nnt ihr das ganz in eurem Tempo machen. Probiert euch aus und lasst die Gewohnheit wachsen, so viel ihr wollt. \u00dcberlegt euch: In was f\u00fcr einer Gesellschaft will ich leben und wie kann ich dazu beitragen? Manchmal sind es viele kleine Schritte, die am Ende einen gro\u00dfen ergeben.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, dass eine Person, die nicht gendert, gegen Geschlechtergerechtigkeit ist. Es gibt verschiedene Sachen, die auf dem Weg zur Gleichberechtigung noch zu tun sind und wir k\u00f6nnen versuchen, jede davon ernst zu nehmen. Aber: Genau so wenig ist Gendern Zeichen einer Ideologie. Es ist vielmehr eine Reaktion auf einen wissenschaftlichen Konsens gekoppelt mit dem Versuch, mit einer pr\u00e4zisen Sprache allen einen Platz am Tisch zu geben. Ebenso wie das generische Maskulinum ist es eine Gewohnheit, die Sprache und Kultur pr\u00e4gt. Wenn wir anerkennen, dass weder das eine noch das andere neutral ist, k\u00f6nnen wir uns \u00fcberlegen, wie und f\u00fcr wen wir unsere Sprache nutzen wollen.<\/p>\n<div id=\"sdendnote1\">\n<p class=\"sdfootnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i<\/a><span lang=\"en-US\"> Hegarty, Peter and Buechel, Carmen (2006), Androcentric Reporting<\/span> <span lang=\"en-US\">of Gender Differences<\/span>\u2039<span lang=\"en-US\">, APA Journals: 1965-2004 Review of General<\/span> <span lang=\"it-IT\">Psychology, 10:4, 377-89; Vainapel, Sigal, Shamir, Opher Y., Tenenbaum, Yulie u. Gilam, Gadi (2015): \u00bb<\/span><span lang=\"en-US\">The Dark Side of Gendered Language: The Masculine-Generic Form as a Cause for Self-Report Bias<\/span><span lang=\"fr-FR\">\u00ab<\/span>, in: Psychological Assessment 27:4, 1513-19; Sczesny, Sabine, Formanowicz, Magda u. Moser, Franziska (2016): <span lang=\"it-IT\">\u00bb<\/span><span lang=\"en-US\">Can Gender-Fair Language<\/span> <span lang=\"en-US\">Reduce Gender Stereotyping and Discrimination?<\/span><span lang=\"fr-FR\">\u00ab, in: Frontiers in<\/span> Psychology, 7, 1-11; Horvath, Lisa Kristina u. Sczesny, Sabine (2016): <span lang=\"it-IT\">\u00bb<\/span><span lang=\"en-US\">Reducing women&#8217;s lack of fit with leadership positions? Effects of<\/span> <span lang=\"en-US\">the wording of job advertisements<\/span><span lang=\"fr-FR\">\u00ab<\/span><span lang=\"en-US\">, in: European Journal of Work and<\/span> <span lang=\"en-US\">Organizational Psychology, 25:2, 316-28; Stout, Jane G. u. Dasgupta,<\/span> Nilanjana (2011): <span lang=\"it-IT\">\u00bb<\/span><span lang=\"en-US\">When He Doesn&#8217;t Mean You: Gender-Exclusive<\/span> <span lang=\"en-US\">Language as Ostracism<\/span><span lang=\"fr-FR\">\u00ab<\/span><span lang=\"en-US\">, in: Personality and Social Psychology Bulletin, 36:6, 757-69; Vervecken, Dries, Hannover, Bettina u. Wolter, Ilka<\/span> (2013): <span lang=\"it-IT\">\u00bb<\/span><span lang=\"en-US\">Changing (S) expectations: How gender fair job descriptions<\/span> <span lang=\"en-US\">impact children&#8217;s perceptions and interest regarding traditionally<\/span> <span lang=\"fr-FR\">male occupations\u00ab<\/span><span lang=\"en-US\">, in: Journal of Vocational Behavior, 82:3, 208-20;<\/span> <span lang=\"nl-NL\">Prewitt-Freilino, J.L., Caswell, T. A. u. Laakso, E. K. (2012): <\/span><span lang=\"it-IT\">\u00bb<\/span><span lang=\"en-US\">The Gendering of Language: A Comparison of Gender Equality in Countries<\/span> <span lang=\"en-US\">with Gendered, Natural Gender, and Genderless Languages<\/span><span lang=\"fr-FR\">\u00ab<\/span>, in: Sex <span lang=\"pt-PT\">Roles, 66: 3-4, 268-81; Gygax, Pascal, Gabriel, Ute, Sarrasin, Oriane,<\/span> Oakhill, Jane u. Garnham, Alan (2008): <span lang=\"it-IT\">\u00bb<\/span><span lang=\"en-US\">Generically intended, but<\/span> <span lang=\"en-US\">specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men<\/span><span lang=\"fr-FR\">\u00ab<\/span><span lang=\"en-US\">, in: Language and Cognitive Processes, 23:3, 464-85,<\/span> Stahlberg, D., Sczesny, S. u. Braun, F. (2001): <span lang=\"it-IT\">\u00bb<\/span><span lang=\"en-US\">Name your favorite<\/span> <span lang=\"en-US\">musician: effects of masculine generics and of their alternatives<\/span> in German<span lang=\"fr-FR\">\u00ab<\/span><span lang=\"en-US\">, in: Journal of Language and Social Psychology, 20,<\/span> 464-69.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote2\">\n<p class=\"sdfootnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote2anc\" name=\"sdendnote2sym\">ii<\/a> Stahlberg, D. u. Sczesny, S. (2001): \u00bbEffekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen\u00ab, in: Psychologische Rundschau, 52, 131-40; Horvath u. Sczesny (2016); Sczesny, Formanowicz u. Moser (2016).<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote3\">\n<p class=\"sdfootnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote3anc\" name=\"sdendnote3sym\">iii<\/a> Bradley, A., MacArthur, C., Carpendale, S. u. Hancock, M. (2008): \u00bbGendered or Neutral? Considering the Language of HCI\u00ab, Graphic Interface Conference 2015, 3.-5. Juni, Halifax, Nova Scotia, Canada, <span lang=\"en-US\">https:\/\/graphicsinterface.org\/wp-content\/uploads\/gi2015-21.pdf<\/span>, abgerufen am 19.09.2022.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote4\">\n<p class=\"sdfootnote-western\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote4anc\" name=\"sdendnote4sym\">iv<\/a> World Economic Forum (2022): \u00bbGlobal Gender Gap Report\u00ab, 5, <span lang=\"en-US\">https:\/\/www.weforum.org\/reports\/global-gender-gap-report-2022\/<\/span>, abgerufen am 19.09.2022.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Paula Kanzleiter Ich bin sehr verliebt in Sprache. Das liegt an vielen Dingen &#8211; sicherlich einmal daran, dass sie in meinem Studium eine gro\u00dfe Rolle spielt und ich mich seit zwei Jahren intensiv damit besch\u00e4ftige, wie man Sprache gleichzeitig m\u00f6glichst pr\u00e4zise und m\u00f6glichst verst\u00e4ndlich gestalten kann. 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