{"id":21341,"date":"2021-04-22T12:12:04","date_gmt":"2021-04-22T10:12:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=21341"},"modified":"2021-04-22T12:18:47","modified_gmt":"2021-04-22T10:18:47","slug":"der-lange-weg-zum-frauenwahlrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/jugendpolitik\/der-lange-weg-zum-frauenwahlrecht\/","title":{"rendered":"Der (lange) Weg zum Frauenwahlrecht"},"content":{"rendered":"<p><em>Vor etwas mehr als 100 Jahren, 1918,\u00a0 wurde das Frauenstimmenrecht in Deutschland eingef\u00fchrt. Der Weg dahin war lang &#8211; und die Aktivistinnen sich keineswegs einig. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es daher drei Richtungen der Frauenbewegungen. Alle wollten das Frauenwahlrecht &#8211; aber durch verschiedene Methoden.<br \/>\nAuch muss erw\u00e4hnt werden, dass l\u00e4ngst nicht alle f\u00fcr das Frauenstimmenrecht waren. Der &#8222;Deutsche Bund zur Bek\u00e4mpfung der Frauenemanzipation&#8220; beispielsweise setzte sich stark gegen das Frauenwahlrecht ein. Mitglied waren vor allem Br\u00fcger*innen der Mittel- und Oberschicht, ein viertel von ihnen Frauen. Sie sahen im Frauenwahlrecht eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie, sie f\u00fcrchteten mit ihm kommt eine Sozialdemokratie und Revolution.<\/em><\/p>\n<p><em>Hier ein paar der <strong>wichtigsten Ereignisse<\/strong> auf dem Weg zum Frauenwahlrecht zusammengefasst:<\/em><\/p>\n<h3><strong>1848<\/strong><\/h3>\n<p>Im Jahr 1848 fand die Wahl zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche statt. W\u00e4hlen durften hierbei aber nur besitzende M\u00e4nner ab 25 Jahren. Die Frauenrechtlerin Louise Dittmer machte schon damals darauf aufmerksam, dass mit \u201ealle\u201c nur die M\u00e4nner gemeint waren.<\/p>\n<p>Louise Otto schrieb in der ersten Ausgabe der \u201eFrauen-Zeitung\u201c 1849 dazu:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wohl auf denn meine Schwestern, vereinigt Euch mit mir, damit wir nicht zur\u00fcckbleiben, wo Alle und Alles um uns neben uns vorw\u00e4rts dr\u00e4ngt und k\u00e4mpft. (\u2026) Wir wollen unseren Theil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche in uns in freier Entwicklung aller unserer Kr\u00e4fte auszubilden, und das Recht der M\u00fcndigkeit und Selbst\u00e4ndigkeit im Staat.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<h3><strong>zweite H\u00e4lfte 19. Jahrhundert<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>Frauen durften nur in \u201eunpolitischen Vereinen\u201c aktiv sein. In der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts schlossen sie sich aber trotzdem f\u00fcr ihre Rechte in Gruppen und Vereinen zusammen.<\/p>\n<h3><strong>1870<\/strong><\/h3>\n<p>Ein Jahr vor der Reichsgr\u00fcndung (1871), trat das Preu\u00dfische Vereinsgesetz in Kraft. In Artikel 9 dieses Gesetztes stand geschrieben:<\/p>\n<p>Artikel 9: \u201eF\u00fcr Vereine, welche bezwecken politische Gegenst\u00e4nde in Versammlungen zu er\u00f6rtern, gelten nachstehende Beschr\u00e4nkungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Sie d\u00fcrfen keine Frauenspersonen, Sch\u00fcler, Lehrlinge als Mitglieder aufnehmen; Sie d\u00fcrfen nicht mit anderen Vereinen gleicher Art zu gemeinsamen Zwecken in Verbindung treten, insbesondere nicht durch Komitees, Centralorgane oder \u00e4hnliche Einrichtungen oder durch gegenseitigen Schriftwechsel [&#8230;]<\/li>\n<li>Frauenspersonen, Sch\u00fcler und Lehrlinge d\u00fcrfen den Versammlungen und Sitzungen solcher politischen Vereine nicht beiwohnen. Werden dieselben auf Aufforderung des anwesenden Abgeordneten der Obrigkeit nicht entfernt, so ist Grund zur Aufl\u00f6sung der Versammlung oder der Sitzung vorhanden.\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<h3><strong>1871<\/strong><\/h3>\n<p>Mit der Reichsgr\u00fcndung tritt ein allgemeines, gleiches, unmittelbares, geheimes (aktives und passives) Wahlrecht f\u00fcr m\u00e4nnliche B\u00fcrger \u00fcber 25 Jahre in Kraft, wenn diese im Besitz b\u00fcrgerlicher und politischer Ehrenrechte sind. Allerding galt das Wahlrecht nur f\u00fcr die Reichstagswahlen. Sowohl die Landes- als auch die Kommunalebene blieben davon unber\u00fchrt. In Preu\u00dfen beispielsweise blieb das Dreiklassenwahlrecht bestehten,<\/p>\n<h3><strong>1876<\/strong><\/h3>\n<p>Hedwig Dohm forderte in ihren Schriften schon l\u00e4nger Frauenwahlrechte. Mit ihrem 1876 publizierten Werk \u201eDer Frauen Natur und Recht\u201c r\u00fcckte das Thema Frauenstimmenrecht weiter in die \u00d6ffentlichkeit. Die Form der Forderungen des Wahlrechtes war in diesem Essay g\u00e4nzlich neu. W\u00e4hrend davor stets erkl\u00e4rt wurde, warum das Frauenwahlrecht wichtig ist, ging Dohm die Sache nun ganz anders an: Sie fragte danach, warum die Frauen das Wahlrecht eigentlich nicht haben. Hier ein Auszug:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Frauen fordern das Stimmrecht als ihr Recht. Warum soll ich erst beweisen, da\u00df ich ein Recht dazu habe? [\u2026] Der Mann bedarf, um das Stimmrecht zu \u00fcben, eines bestimmten Wohnsitzes, eines bestimmten Alters, eines Besitzes, warum braucht die Frau noch mehr? [\u2026] Die Gesellschaft hat keine Befugni\u00df, mich meines nat\u00fcrlichen politischen Rechts zu berauben, es sei denn, da\u00df dieses Recht sich als unvereinbar erwiese mit der Wohlfahrt des Staatslebens. Den Beweis dieses Antagonismus zwischen Staatsleben und Frauenrechten haben wir zu fordern. Man wird uns darauf warten lassen bis zum j\u00fcngsten Tag und sich inzwischen auf das Gottesgericht berufen, welches die Frau durch den Mangel eines Bartes als unpolitisches Wesen gekennzeichnet hat.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<h3><strong>1891<\/strong><\/h3>\n<p>Die SPD nimmt als erste deutsche Partei die Forderung nach dem Frauenstimmenrecht in ihr Parteiprogramm auf.<\/p>\n<h3><strong>1894<\/strong><\/h3>\n<p>Am 28.\/29. M\u00e4rz wird der \u201eBund Deutscher Frauenvereine\u201c (BDF) als Dachorganisation der gem\u00e4\u00dfigten b\u00fcrgerlichen Frauenbewegungen gegr\u00fcndet. Unter ihm b\u00fcndelten sich 34 gemeinn\u00fctzige Vereine. Sowohl die proletarischen als auch die sozialdemokratischen Frauenvereine wurden nicht Mitglied im BDF.<\/p>\n<h3><strong>1902<\/strong><\/h3>\n<p>Der erste Frauenwahlrechtsverein \u201eDeutschen Verein f\u00fcr Frauenstimmrecht\u201c wurde gegr\u00fcndet. Sein einziges Ziel war das Frauenwahlrecht im Deutschen Reich. 1904 wurde der Verein in den \u201eDeutschen Verband f\u00fcr Frauenstimmrecht\u201c umgewandelt. Mit der Gr\u00fcndung des Vereins ging die Anbindung an die weltweite Frauenstimmrechtsbewegung Hand in Hand. So konnten die Aktivistinnen bei der Internationalen Frauenstimmrechtskonferenz in Washington teilnehmen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem nahm der BDF zu seiner f\u00fcnften Generalversammlung den Kampf um das Frauenstimmrecht in sein Programm auf.<\/p>\n<h3><strong>1904<\/strong><\/h3>\n<p>Am 12. Juni \u00f6ffnete in Berlin der Internationale Frauenkongress, welcher vom Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) ausgerichtet wurde. Am Kongress nahmen \u00fcber tausend Vertreterinnen b\u00fcrgerlicher Frauenverb\u00e4nde aus 25 L\u00e4ndern teil. Diskutiert wurde \u00fcber Themen wie Frauenbildung- und berufe und die rechtliche Stellung der Frau.<br \/>\nIm Umfeld des Kongresses fand au\u00dferdem die Internationale Frauenstimmrechtskonferenz statt. Hierbei wurde die \u201eInternational Women\u2019s Suffrage Alliance\u201c (IWSA), also der Weltverband f\u00fcr Frauenstimmrecht, gegr\u00fcndet.<br \/>\nDie sozialistische Frauenbewegung war nicht beteiligt.<\/p>\n<h3><strong>1908<\/strong><\/h3>\n<p>Am 15. Mai 1908 wurde das preu\u00dfische Vereinsrecht aufgehoben. Nun durften Frauen in politische Vereinigungen und Parteien eintreten sowie politische Vereine offiziell gr\u00fcnden.<\/p>\n<h3><strong>1911<\/strong><\/h3>\n<p>Am 19. M\u00e4rz fand der erste Internationale Frauentag statt. Er wurde in Kopenhagen auf II. internationalen sozialistischen Frauenkonferenz 1910 beschlossen. Die sozialdemokratischen Frauen wollten mit ihm einen Kampftag f\u00fcr das Frauenwahlrecht schaffen. 1921 wurde der Internationale Frauentag zu Ehren der Frauen von Petrogard (Sankt Petersburg) auf den 8. M\u00e4rz verschoben. Am 8. M\u00e4rz 1917 waren in Petrogard Arbeiterinnen, Ehefrauen und B\u00e4uerinnen gemeinsam auf die Stra\u00dfe gegangen und hatten so die Februarrevolution in Russland (mit) ausgel\u00f6st.<\/p>\n<h3><strong>1914<\/strong><\/h3>\n<p>Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs legten viele Frauen ihren Kampf f\u00fcr das Frauenwahlrecht nieder und unterst\u00fctzten den Krieg. Nur wenige engagierten sich in Friedensorganisationen.<\/p>\n<h3><strong>1917<\/strong><\/h3>\n<p>Nach dem Kaiser Wilhelm II. eine Wahlrechtsreform in Ausblick stellte, welche aber kein Stimmrecht f\u00fcr Frauen vorsah, nahmen die Frauen ihren Kampf f\u00fcr dieses Recht wieder auf. Im Gegensatz zu vor dem Krieg, schloss sich nun ein breites B\u00fcndnis an Frauen zusammen. So hatten sich zum Beispiel der \u201eDeutsche Verband f\u00fcr Frauenstimmrecht\u201c und die \u201eDeutsche Vereinigung f\u00fcr Frauenstimmrecht\u201c zum \u201eDeutscher Reichsverband f\u00fcr Frauenstimmrecht\u201c zusammengeschlossen. Die Sozialdemokratinnen und b\u00fcrgerlichen Frauenrechtlerinnen hatten sich durch den Ersten Weltkrieg angen\u00e4hert. Die Arbeit der Aktivist*innen 1917 und 1918 war gepr\u00e4gt von Petitionen, Versammlungen und Sonderschriften.<\/p>\n<h3><strong>1918<\/strong><\/h3>\n<p>Im Oktober erreichte der Kampf einen H\u00f6hepunkt: Die breite Frauenbewegung (58 Organisationen) verfasste ein gemeinsames Schreiben an den Reichskanzler Max von Baden und forderten das Frauenwahlrecht. Um dem ganzen Nachdruck zu verleihen, gab es Anfang November gro\u00dfe Demonstrationen und Kundgebungen.<\/p>\n<p>Am 12. November stellte Phillip Scheidemann im \u201eAufruf an das deutsche Volk\u201c sein Regierungsprogramm vor.\u00a0 Es enthielt eine Wahlrechtsreform, deren Teil auch das Frauenwahlrecht war. Zuvor hatte er, nach dem die Novemberrevolution die Monarchie endg\u00fcltig beendete, die Republik ausgerufen. Das Frauenwahlrecht war geschaffen.<\/p>\n<p>Am 30. November wurde das aktive und passive Wahlrecht dann f\u00fcr alle B\u00fcrger*innen vom Rat der Volksbeauftragten in der Verordnung \u00fcber die Wahl zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung verankert.<\/p>\n<h3><strong>1919<\/strong><\/h3>\n<p>Am 19. Januar fand die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung statt. Es war die erste Wahl bei der Frauen w\u00e4hlen durften und \u00fcber 80 Prozent der wahlberechtigten Frauen machten von ihrer Stimme gebrauch. Danach sank die Wahlbeteilgung stark. Au\u00dferdem kandidieren 300 Frauen, von ihnen konnten 37 ein Mandat erringen \u2013 bei insgesamt 423 Abgeordneten.<\/p>\n<h3><strong>Und dann?<\/strong><\/h3>\n<p>Auch wenn es ab 1918 das Frauenwahlrecht gab, blieb und bleibt es ein Kampf um Gleichberechtigung in der Politik (und allen anderen Lebensbereichen). In der NS-Zeit konnten Frauen zum Beispiel nur einfach Mitglieder der NSDAP werden, F\u00fchrungspositionen innerhalb der Partei waren ihnen vorenthalten. Und auch in der Zeit des geteilten Deutschlandes ging die Gleichberechtigung nur schleppent voran. Dabei war die DDR der BRD zwar ein Schritt voraus, da die Gleichberechtigung hier zu den Zielen der sozialistischen Gesselschaftspolitik geh\u00f6rte, aber eine parit\u00e4tische Besetzung der Parteien hat es in beiden deutschen Staaten nie gegeben. Auch wenn die Frauenqoute der Gr\u00fcnen seit 1986 zu einem Umdenken anregt, ist der Frauenanteil im Bundestag seit 2017 mit etwa 31 Prozent beispielsweise immer noch zuniedrig.<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.100-jahre-frauenwahlrecht.de\/jubilaeum\/100-jahre-frauenwahlrecht-geschichte\">https:\/\/www.100-jahre-frauenwahlrecht.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/geschichte\/deutsche-geschichte\/frauenwahlrecht\/278701\/der-kampf-der-frauenbewegung-um-das-frauenwahlrecht\">https:\/\/www.bpb.de\/geschichte\/deutsche-geschichte\/frauenwahlrecht\/278701\/der-kampf-der-frauenbewegung-um-das-frauenwahlrecht<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/geschichte\/deutsche-geschichte\/frauenwahlrecht\/278830\/stimmen-gegen-das-wahlrecht\">https:\/\/www.bpb.de\/geschichte\/deutsche-geschichte\/frauenwahlrecht\/278830\/stimmen-gegen-das-wahlrecht<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor etwas mehr als 100 Jahren, 1918,\u00a0 wurde das Frauenstimmenrecht in Deutschland eingef\u00fchrt. 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