{"id":1884,"date":"2015-05-04T10:54:01","date_gmt":"2015-05-04T08:54:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=1884"},"modified":"2015-04-13T20:12:18","modified_gmt":"2015-04-13T18:12:18","slug":"der-judaskuss-symbol-fuer-verrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/allgemein\/der-judaskuss-symbol-fuer-verrat\/","title":{"rendered":"Der Judaskuss: Symbol f\u00fcr Verrat"},"content":{"rendered":"<p><em>von Andreas Witt, Hamburg<\/em><\/p>\n<p>Ein Kuss verbindet durch die k\u00f6rperliche N\u00e4he zwei Menschen miteinander und ist ein Symbol bzw. eine Geste der Liebe, Freundschaft und Zuneigung. Doch schon das Alte Testament wei\u00df: &#8222;Die K\u00fcsse des Hassers sind tr\u00fcgerisch.&#8220; (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Spr27,6b\/\" target=\"_self\">Spr\u00fcche 27, 6b<\/a>)<\/p>\n<p>Der Judaskuss gilt als Symbol des Verrates. Nach biblischer \u00dcberlieferung war ein Kuss das verabredete Zeichen, mit dem Judas Jesus im Garten Gethsemane f\u00fcr seine Gegner zur Gefangennahme identifizierte (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Mt26,47-49\/\">Mt 26,48 par.<\/a>). Dabei bedeutet das griechische Verb &#8222;para-didomi&#8220;, das die Evangelisten hier verwenden, eigentlich nur &#8222;\u00fcbergeben&#8220;. Luther \u00fcbersetzte es mit &#8222;\u00fcberantworten&#8220; und erst modernere Bibel\u00fcbersetzungen mit &#8222;verraten&#8220;. War der Kuss des Judas aber nun wirklich ein gemeiner Verrat? Dar\u00fcber wird in der Theologie gestritten. Doch: Wer war Judas? Und was war die Motivation f\u00fcr sein Handeln?<\/p>\n<h2>War Judas Verr\u00e4ter oder K\u00e4mpfer?<\/h2>\n<p>Judas geh\u00f6rte nach biblischer \u00dcberlieferung zum Kreis der zw\u00f6lf J\u00fcnger Jesu, er z\u00e4hlte also zu den engsten Vertrauten Jesu. Sein Name Judas Iskariot (hebr.: &#8222;isch Kariot&#8220;) bedeutet wahrscheinlich &#8222;Judas, Mann aus Kariot&#8220; &#8211; allerdings wei\u00df man heute nicht, wo dieser Ort &#8222;Kariot&#8220; lag. Eine andere Namensdeutung erkl\u00e4rt den Namenszusatz &#8222;Iskariot&#8220; als eine Verballhornung des Wortes &#8222;Sicarios&#8220;. Die Sikarier, die sogenannten &#8222;Dolchm\u00e4nner&#8220;, waren der radikale Fl\u00fcgel der Zeloten: j\u00fcdische Freiheitsk\u00e4mpfer, die mit Waffengewalt gegen die r\u00f6mische Fremdherrschaft k\u00e4mpften. War Judas solch ein &#8222;Dolchmann&#8220;, der \u00fcber die friedfertige Botschaft Jesu entt\u00e4uscht war? Oder wollte er als &#8222;Dolchmann&#8220; seinen &#8222;Chef&#8220; Jesus durch die Verhaftung provozieren, sich endlich als Messias \u00f6ffentlich zu outen und seine gesamte messianische Macht zu offenbaren, um damit den bewaffneten Kampf gegen die R\u00f6mer zu starten?<\/p>\n<p>Die einzelnen Evangelien berichten Unterschiedliches und Widerspr\u00fcchliches \u00fcber Judas: Im Markus-Evangelium, das vermutlich vor 70 n. Chr. aufgeschrieben wurde und damit als \u00e4ltestes Evangelium gilt, hei\u00dft es relativ neutral: &#8222;Und Judas Iskariot, einer von den Zw\u00f6lfen, ging hin zu den Hohepriestern, dass er ihn an sie verriete. Als die das h\u00f6rten, wurden sie froh und versprachen, ihm Geld zu geben.&#8220; (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Mk14,10-11\/\">Mk 14, 10-11a<\/a>) Das Geld als Lohn f\u00fcr den Verrat wird also hier Judas angeboten, w\u00e4hrend im etwas j\u00fcngeren Matth\u00e4us-Evangelium (Entstehungszeit vermutlich zwischen 80 und 90 n. Chr.), Judas die Hohepriester fragt: &#8222;Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn Euch verraten!&#8220; (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Mt26,14-16\/\">Mt 26, 15a<\/a>). Schn\u00f6de Habgier als Motiv f\u00fcr den Verrat?<\/p>\n<p>Das zwischen 85 und 90 n. Chr. datierte Lukas-Evangelium bietet noch eine andere Erkl\u00e4rung: &#8222;Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskariot, der zur Zahl der Zw\u00f6lf geh\u00f6rte. Und er ging und redete mit den Hohenpriestern und den Hauptleuten dar\u00fcber, wie er ihn an sie verraten k\u00f6nnte.&#8220; Auch bei der Schilderung des Todes von Judas am Anfang der Apostelgeschichte verdeutlich Lukas durch ein Horrorszenario, dass Judas vom Teufel besessen war: &#8222;Aber er (=Judas) ist vorn\u00fcber gest\u00fcrzt und mitten entzwei geborsten, so dass seine Eingeweide hervorquollen.&#8220; (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Apg1,16-18\/\">Apg. 1, 18b<\/a>) Ganz im Gegensatz zum Matth\u00e4us-Evangelium: Denn nach Matth\u00e4us beging Judas aus Reue Selbstmord, indem er sich erh\u00e4ngte. (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Mt27,3-5\/\">Mt 27, 3 &#8211; 5<\/a>). Und im Markus-Evangelium fehlen jedwede Informationen zum Tod des Judas.<\/p>\n<h2>Judas als Symbol f\u00fcr das B\u00f6se<\/h2>\n<p>Das Johannes-Evangelium wurde vermutlich zwischen 100 und 110 n. Chr. verfasst und stellt somit das j\u00fcngste der vier biblischen Evangelien dar. Der Evangelist Johannes charakterisiert Judas als einen Ungl\u00e4ubigen (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Joh6,64\/\">Joh. 6,64<\/a>), einen Teufel (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Joh6,70-71\/\">Joh. 6,70<\/a>) und einen Dieb, der sich etwas aus dem Geldbeutel der Zw\u00f6lf, den er verwahrte, genommen hatte (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Joh12,4-6\/\">Joh. 12,6<\/a>).<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich also bei der Darstellung des Judas folgende Tendenz erkennen: Je sp\u00e4ter ein Evangelium geschrieben wurde, desto b\u00f6ser und gemeiner wird der J\u00fcnger Judas beschrieben und sp\u00e4testens im Johannes-Evangelium ist Judas somit der Prototyp eines b\u00f6sen, habgierigen, j\u00fcdischen Verr\u00e4ters. Dieses Negativ-Bild l\u00e4sst sich mit der Verfolgungssituation der ersten christlichen Gemeinden erkl\u00e4ren: Weil die ersten christlichen Gemeinden von der j\u00fcdischen Obrigkeit verfolgt wurden, machten diese zunehmend eben diese j\u00fcdische Obrigkeit f\u00fcr die Kreuzigung Jesu verantwortlich &#8211; allen voran Judas als &#8222;j\u00fcdischen Teufel&#8220;. Somit wurde der Verrat des Judas auch zu einer Wurzel des Antisemitismus, der schlie\u00dflich im millionenfachen Mord an Juden im nationalsozialistischen Deutschland gipfelte. Doch Achtung: Jesus und seine J\u00fcnger waren ebenso Juden wie Judas!<\/p>\n<p>Trotzdem gilt der Name Judas als Inbegriff f\u00fcr Verrat und ist zum Schimpf- und Schm\u00e4hwort geworden. Deswegen wird Judas als m\u00e4nnlicher Vorname auch von deutschen Standes\u00e4mtern abgelehnt.<\/p>\n<h2>Welcher J\u00fcnger war ein Held?<\/h2>\n<p>Ein ganz anderes Judas-Bild entwirft nun das apokryphe Judasevangelium. Es wurde vermutlich um 150 n. Chr. in koptischer Sprache geschrieben und wegen seines vermeintlich ketzerischen Inhalts von der alten Kirche abgelehnt. Erst im sp\u00e4ten 20 Jahrhundert fand man in \u00c4gypten eine schlecht erhaltene Handschrift dieser apokryphen Schrift. Eine kleine Sensation! Seit 2006 liegt eine \u00dcbersetzung des m\u00fchevoll restaurierten, aber unvollst\u00e4ndigen Textes vor. Hier wird Judas als engster Vertrauter Jesu dargestellt, der durch seine Tat den Heilsplan Gottes erf\u00fcllt: Judas &#8211; ein Held Gottes! Kein Wunder, dass diese komplett andere Darstellung des Judas von der alten Kirche verworfen wurde.<\/p>\n<p>Insgesamt l\u00e4sst nun die biblische und au\u00dferbiblische \u00dcberlieferung zum J\u00fcnger Judas viele Fragen offen und bietet daher viel Raum f\u00fcr Deutungen und Spekulationen: Hat Judas Jesus gemein &#8222;verraten&#8220; oder nur &#8222;\u00fcbergeben&#8220; und somit Gottes Heilsplan erf\u00fcllt? Die Antwort auf diese Frage mag vielleicht in einer Gegenfrage liegen: Wie reagierte Jesus auf das Verhalten des Judas? Nach biblischer \u00dcberlieferung war Jesus, obwohl er genau wusste, dass Judas ihn verraten w\u00fcrde, offensichtlich nicht zornig oder ver\u00e4rgert.<\/p>\n<p>Nichts desto trotz gilt der Judaskuss als Symbol f\u00fcr einen gemeinen Verrat. Doch sollte man nicht vergessen, dass der J\u00fcnger Petrus Jesus nach seiner Verhaftung dreimal verleugnet hat. Auch ein ziemlich gemeines Verhalten, das Petrus kurz darauf bitterlich beweinte (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Mt26,69-75\/\">Mt 26, 69 -75 par.<\/a>). Dabei verhielten sich die anderen J\u00fcnger offensichtlich auch nicht besser. Sie liefen bei Jesu Gefangennahme einfach davon (<a class=\"html\" href=\"http:\/\/www.die-bibel.de\/bibelstelle\/Mt26,56\/\">Mt 26, 56 par.<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Andreas Witt, Hamburg Ein Kuss verbindet durch die k\u00f6rperliche N\u00e4he zwei Menschen miteinander und ist ein Symbol bzw. eine Geste der Liebe, Freundschaft und Zuneigung. Doch schon das Alte Testament wei\u00df: &#8222;Die K\u00fcsse des Hassers sind tr\u00fcgerisch.&#8220; (Spr\u00fcche 27, 6b) Der Judaskuss gilt als Symbol des Verrates. 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