{"id":17518,"date":"2020-07-04T08:13:03","date_gmt":"2020-07-04T06:13:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=17518"},"modified":"2023-01-14T09:10:51","modified_gmt":"2023-01-14T08:10:51","slug":"happy-birthday-seit-1850-jahren-nur-fast-fertig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/allgemein\/happy-birthday-seit-1850-jahren-nur-fast-fertig\/","title":{"rendered":"Happy Birthday: Seit 1850 Jahren nur fast fertig"},"content":{"rendered":"<h2><span class=\"fontstyle0\">\u00dcber die wechselvolle, unfertige Geschichte der \u201ePorta Nigra\u201c<\/span><\/h2>\n<p><em><strong><span class=\"fontstyle2\">von Andreas Witt<\/span> <\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u201ePanta rhei \u2013 alles flie\u00dft\u201c<\/em> oder auch auch <em><span class=\"fontstyle2\">\u201eAlles ist<\/span> im Fluss.\u201c<\/em> wusste der griechische Philosoph oder auch \u201eAlles ist Heraklit. Weiterhin: <em>\u201eTempora mutantur, et nos mutamur in illis.\u201c<\/em> \u2013 \u201eDie Zeiten ver\u00e4ndern sich, und auch wir ver\u00e4ndern uns in ihnen.\u201c, wie ein lateinisches Sprichwort formuliert.<\/p>\n<p>Die Porta Nigra wurde von den R\u00f6mern im Jahr 170 nach Christi (n. Chr.) errichtet. Dieses Datum kennen wir so genau, da Arch\u00e4olog*innen vor zwei Jahren im Fundament der r\u00f6mischen Stadtmauer Eichenpfosten gefunden haben. Deren F\u00e4lldatum konnte mit Hilfe der Jahresringe exakt ermittelt werden. Da die R\u00f6mer \u00fcblicherweise B\u00e4ume direkt nach dem F\u00e4llen verbauten, kennen wir somit das exakte Baujahr der Stadtmauer, die zeitgleich mit der Porta Nigra errichtet wurde. Das hei\u00dft, dieses Stadttor wird in diesem Jahr 1850 Jahre alt und z\u00e4hlt damit zu den \u00e4ltesten Geb\u00e4uden Deutschlands!<\/p>\n<h3><strong>Hercle!<\/strong><\/h3>\n<p><em>Beim Herkules!<\/em><\/p>\n<p>Damals in r\u00f6mischer Zeit trug die Porta Nigra vermutlich den Namen \u201ePorta Martis\u201c (\u201eTor des Kriegsgottes Mars\u201c) \u2013 aber das wissen wir im Gegensatz zum Baujahr nicht so ganz genau. Fest steht, dass die Porta als repr\u00e4sentatives Nordtor der kaiserlichen Residenzstadt \u201eAugusta Treverorum\u201c (heutiges Trier) aus rund 7200 gro\u00dfen Sandsteinquadern erbaut wurde. Diese Steine wurden ohne M\u00f6rtel oder Zement stabil \u00fcbereinander geschichtet. Die r\u00f6mischen Baumeister hatten die Steine urspr\u00fcnglich noch mit Metallklammern aus Blei oder Eisen verbunden. Doch, weil Metall im Mittelalter sehr wertvoll war, wurden diese Klammern herausgebrochen. Trotzdem steht das m\u00e4chtige Stadttor noch heute und bezeugt die au\u00dferordentliche Qualit\u00e4t r\u00f6mischer Ingenieurskunst und Bautechnik.<\/p>\n<h3><strong>Quales artifices perierunt!<\/strong><\/h3>\n<p><em>Was f\u00fcr gro\u00dfartige Baumeister sind dahin geschieden!<\/em><\/p>\n<p>An den Sandsteinquadern k\u00f6nnen wir allerdings erkennen, dass der Bau dieses Stadttores nur fast fertig ist \u2013 denn viele der Sandsteinquader sind nicht vollst\u00e4ndig gegl\u00e4ttet, sondern nur provisorisch behauen. Au\u00dferdem sind die Bohrungen f\u00fcr die T\u00fcrangeln ein Indiz daf\u00fcr, dass das Tor nie ganz fertig geworden ist. Aufgrund der unfertig behauenen Steine konnte dort nie eine bewegliche T\u00fcr eingesetzt worden sein.<\/p>\n<h3><strong>Delirant isti Romani<\/strong><\/h3>\n<p><em>Die spinnen, die R\u00f6mer!<\/em><\/p>\n<p>Doch warum mutierte die Porta Nigra nach dem Zerfall des r\u00f6mischen Reiches nicht wie die allermeisten anderen r\u00f6mischen Gro\u00dfbauten im Mittelalter zu einem Steinbruch zum Bau von neuen Geb\u00e4uden? Weil ab dem Jahr 1042 aus der Ruine der Porta Nigra die Simeonskirche auferstanden ist. Halleluja!<\/p>\n<p><strong>Doch wer war Simeon?<\/strong><\/p>\n<p>Der M\u00f6nch Simeon kam im Jahre 1027 aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai als Gesandter nach Trier und begleitete den Trierer Erzbischoff (mit dem heute lustig klingenden Namen) Poppo von Babenberg auf eine Pilgerfahrt ins Heilige Land. Nach seiner R\u00fcckkehr nach Trier im Jahr 1030 beschloss Simeon, in dem zerfallenen r\u00f6mischen Stadttor als Eremit zu leben. So lie\u00df er sich im Ostturm einmauern, um hier in aller Einsamkeit zu beten und zu meditieren. Durch einen Korb wurde er von der Bev\u00f6lkerung mit Nahrung versorgt. Nach Simeons Tod im Jahr 1035 veranlasste der Erzbischoff dessen Heiligsprechung und lie\u00df die r\u00f6mische Stadttorruine zu einer Wallfahrtskirche umbauen \u2013 genaugenommen sogar zu einer Doppelkirche: Stiftskirche oben, Volkskirche unten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/porta_nigra_kirche.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-17527\" src=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/porta_nigra_kirche-300x257.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/porta_nigra_kirche-300x257.jpg 300w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/porta_nigra_kirche.jpg 666w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Warum steht aber die Kirche heute nicht mehr?<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Tempora mutantur!<\/strong><\/h3>\n<p><em>Die Zeiten \u00e4ndern sich<\/em><\/p>\n<p>Im Jahr 1794 eroberten franz\u00f6sische Revolutionstruppen die Stadt. Als zehn Jahre sp\u00e4ter Napoleon nach Trier kam, befahl dieser \u2013 in der f\u00e4lschlichen Annahme, das zur Kirche umgebaute alte Stadttor sei urspr\u00fcnglich ein keltisches oder gallisches Bauwerk gewesen \u2013 die Kirche zu einem Tor zur\u00fcckzubauen. Doch dieser R\u00fcckbau ist auch nur fast fertig geworden. Denn als das Rheinland ein paar Jahre sp\u00e4ter unter preu\u00dfische Herrschaft fiel, wurde der R\u00fcckbau der Kirche zwar zun\u00e4chst fortgesetzt, dann aber gestoppt. So erinnert die halbrunde Apsis des Ostturms \u2013 genauso wie zahlreiche Reliefs \u2013 noch heute an den mittelalterlichen Kirchbau.<\/p>\n<h3><strong>Edepol!<\/strong><\/h3>\n<p><em>Bei Pollux!<\/em><\/p>\n<p>Wieder nur fast fertig!<\/p>\n<p>Und heute ist die zweifach unfertige Porta Nigra UNESCO-Weltkulturerbe, Wahrzeichen der Stadt Trier und viel fotografierter Touristenmagnet.<\/p>\n<h3><strong>Fabula docet:<\/strong><\/h3>\n<p><em>Die Geschichte lehrt:<\/em><\/p>\n<p>Fast fertig reicht also vollkommen!<\/p>\n<h3><strong>O tempora! O mores!<\/strong><\/h3>\n<p><em>Oh Zeiten, oh Sitten!<\/em><\/p>\n<p>Und warum hei\u00dft die \u201ePorta Nigra\u201c nicht mehr \u201ePORTA MARTIS\u201c?<\/p>\n<h3><strong>Tempora mutantur, lapides mutantur in illis.<\/strong><\/h3>\n<p><em>Zeiten \u00e4ndern sich, (und auch) Steine ver\u00e4ndern sich in jenen!<\/em><\/p>\n<p>Der urspr\u00fcnglich wei\u00dfe Sandstein verf\u00e4rbte sich in Folge von Umwelteinfl\u00fcssen im Laufe der Zeit von wei\u00df nach schwarz und gab dem Bauwerk seinen heutigen Namen: \u201ePorta Nigra\u201c (\u201eSchwarzes Tor\u201c). Also:<\/p>\n<h3><strong>Panta rhei.<\/strong><\/h3>\n<p><em>Alles flie\u00dft.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die wechselvolle, unfertige Geschichte der \u201ePorta Nigra\u201c von Andreas Witt \u201ePanta rhei \u2013 alles flie\u00dft\u201c oder auch auch \u201eAlles ist im Fluss.\u201c wusste der griechische Philosoph oder auch \u201eAlles ist Heraklit. 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