{"id":14558,"date":"2019-11-21T11:56:21","date_gmt":"2019-11-21T10:56:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=14558"},"modified":"2019-11-21T11:56:21","modified_gmt":"2019-11-21T10:56:21","slug":"wie-das-woodbadge-heimgekommen-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/allgemein\/wie-das-woodbadge-heimgekommen-ist\/","title":{"rendered":"Wie das Woodbadge heimgekommen ist"},"content":{"rendered":"<p><em>von Benedikt Reusch<\/em><\/p>\n<p>Es ist das Jahr 1987. Es findet eine riesige Pfadikundgebung in S\u00fcdafrika statt, bei der mehrere tausend Pfadfinder*innen versammelt sind. Chief Scout Garnet de la Hunt, der Vorsitzende der Pfadfinder*innen in S\u00fcdafrika, steht auf einer B\u00fchne und begr\u00fc\u00dft einen Ehrengast und bittet ihn auf die B\u00fchne. Mangosuthu Buthelezi steigt bed\u00e4chtigen Schrittes die Treppen empor und geht auf Garnet de la Hunt zu. Buthelezi ist zu diesem Zeitpunkt der Ministerpr\u00e4sident von KwaZulu, einem Autonomiegebiet der einheimischen Zulu in S\u00fcdafrika. Als Buthelezi vor ihm steht, greift sich Garnet de la Hunt an sein Halstuch und nimmt von dort vier h\u00f6lzerne Perlen ab \u2013 vier Woodbadge-Perlen \u2013 und \u00fcbergibt diese feierlich Buthelezi.<\/p>\n<p>Was soll das? Was hat das zu bedeuten? Warum sind Holzperlen ein angemessenes Geschenk? Freut sich jemand \u00fcber ein bisschen Bastelkram? Wieviel VCP-Hessen-Klebeb\u00e4nder sind eine Holzperle im symbolischen Anerkennungstransfermarkt wert?<\/p>\n<h3><strong>Woodbadge \u2013 was ist das?<\/strong><\/h3>\n<p>Das Woodbadge besteht aus zwei oder mehr Holzperlen, einer Lederschnur und einem sogenannten Gilwell-Knoten. Es ist ein weltweites Zeichen der Pfadfinder*innenbewegung und wird von WOSM-Verb\u00e4nden vergeben. WOSM hat eine eigene Woodbadge-Ordnung, in der geregelt ist wann und wof\u00fcr das Woodbadge verliehen wird (das sogenannte Framework). Prinzipiell ist das Woodbadge ein Abzeichen, das man bekommt, wenn man einen Woodbadge-Kurs abgeschlossen hat, der eine*n dazu bef\u00e4higen soll, Gruppen zu leiten und die Ideen der Pfadibewegung weiterzutragen. Im VCP ist das nicht so \u00fcblich, da wir in der Regel eigene Schulungs- und Fortbildungskonzepte haben. In internationalen Verb\u00e4nden dagegen ist ein Woodbadge-Kurs teilweise Voraussetzung, um \u00fcberhaupt eine Gruppe leiten zu d\u00fcrfen oder um in h\u00f6here Leitungseben vorzudringen.<\/p>\n<p>Ein Woodbadge weist jemanden also als Leiter*in aus und geht mit einem gewissen symbolischen und emotionalen Wert einher \u2013 so wie f\u00fcr uns zum Beispiel das dunkelgr\u00fcne oder das Ranger*Rover-Halstuch. Das erkl\u00e4rt aber noch nicht, warum es heute einen so hohen symbolischen Wert hat und ein weltweit anerkanntes Symbol ist. Und auch nicht, was das mit der Geschichte am Anfang zu tun hatte.<\/p>\n<h3>BiPi und das Woodbadge<\/h3>\n<p>Der Ursprung des Woodbadge liegt bei\u2026 BP! Wer h\u00e4tte das gedacht?! Robert Baden-Powell, der Gr\u00fcnder der Pfadfinder*innenbewegung ist auch der Begr\u00fcnder des Woodbadges. BP hatte bekanntlich in seiner Zeit in der Britischen Armee die Idee, dass man Jugendgruppen aufbauen k\u00f6nnte, die nach \u00e4hnlichen Prinzipien wie die Sp\u00e4hertruppen in der Armee funktionierten. Deswegen auch der englische Name der Pfadfinder*innenbewegung (Scout = engl. f\u00fcr Sp\u00e4her) und der oftmals milit\u00e4rische Touch, den viele internationale Pfadiverb\u00e4nde haben.<\/p>\n<p>BP war in seiner Zeit im Milit\u00e4r vor allem in den Britischen Kolonien im S\u00fcden Afrikas stationiert und k\u00e4mpfte dort gegen Einheimische und fr\u00fche Siedler, die sich die Kolonialherrschaft nicht mehr gefallen lassen wollten. 1888 war er damit beauftragt, einen Aufstand der einheimischen Zulu unter F\u00fchrung ihres K\u00f6nigs Dinuzulu ka Cetshwayo niederzuschlagen. K\u00f6nig Dinuzulu befand sich auf der Flucht vor den britischen Truppen und lie\u00df dabei angebliche eine lange Kette mit tausenden von Holzperlen zur\u00fcck. Diese Kette galt als heiliges Symbol der Zulu und jede Perle stand f\u00fcr eine Tat, die ein Zulukrieger vollbracht hatte. Laut Pfadfinder-Legende fand BP diese Kette zur\u00fcckgelassen in einem Haus und nahm sie an sich. K\u00f6nig Dinuzulu wurde schlussendlich 1890 gefangen genommen und ins Exil auf eine Insel verbannt weil er es gewagt hatte, einen Aufstand gegen die Briten anzustiften.<\/p>\n<h3>Die erste Pfadfinderschulung<\/h3>\n<p>Zur\u00fcck in Europa und mit dem Gr\u00fcnden der Pfadfinderbewegung besch\u00e4ftigt, stand BP irgendwann vor einem gro\u00dfen Problem: Die Bewegung wurde so gro\u00df, dass weitere Leiter gebraucht wurden, um Gruppen zu f\u00fchren und die Werte der Pfadfinderei weiterzutragen. Was also tun? Gruppenleiterkurse!<\/p>\n<p>Der erste Kurs fand 1919 im Gilwell Park in London statt, 18 M\u00e4nner um die 21 Jahre wurden dort zu \u201eScoutmasters\u201c ausgebildet. Am Ende des Kurses kam die Frage auf, wie man einen sch\u00f6nen Abschluss und ein Symbol f\u00fcr die Teilnahme am Kurs findet. BP kam der Legende nach die Idee, den Absolventen die Perlen von Dinuzulu zu \u00fcbergeben. Zwei Perlen f\u00fcr jeden Scoutmaster.<\/p>\n<h3>Eine Tradition ist geboren<\/h3>\n<p>Auch auf k\u00fcnftigen Kursen wurden weiter Perlen verteilt. Irgendwann dann auch nur noch eine \u2013die Perlen wurden langsam knapp \u2013 mit der Aufforderung, die zweite selbst zu machen. Die Perlen neigten sich dem Ende zu und schon bald entwickelte es sich, dass die Teilnehmer*innen am Ende der Kurse zwei Perlen f\u00fcr sich fertigten. Der Brauch und das Symbol um das Woodbadge war geboren!<\/p>\n<h3>Wo schlie\u00dft sich der Kreis?<\/h3>\n<p>Zur\u00fcck zum Anfang und ins Jahr 1987: Der Chief Scout Garnet de la Hunt \u00fcberreichte vier angeblich originale Perlen an Mangosuthu Buthelezi. Buthelezi (Ministerpr\u00e4sident der Zulu im Gebiet KwaZulu) ist ein Enkel von Dinuzulu, dem K\u00f6nig, von dem die Kette mit den Perlen urspr\u00fcnglich stammte. Er empfand die Geste als gro\u00dfe Ehre, da die Perlen nun endlich zu seinen Leuten zur\u00fcckgebracht wurden. Es erf\u00fcllte ihn mit Stolz, dass eine so gro\u00dfe Bewegung wie die der Pfadfinder*innen in seinem Land seinen Ursprung nahm.<\/p>\n<h3>Ende gut, alles gut. Oder?<\/h3>\n<p>Tausende der Perlen sind noch immer im Umlauf und werden vermutlich in irgendwelchen Pfadfinder*innenfamilien vererbt. Was damals ein \u201eFund\u201c BPs w\u00e4hrend der Unterdr\u00fcckung der Kolonialzeit war, wird heute im Kunst- und Kulturbereich oft als Raubgut bezeichnet. In den letzten Jahren passiert es h\u00e4ufiger, dass solches Raubgut zu seinen urspr\u00fcnglichen Besitzern zur\u00fcckkehrt.<\/p>\n<p>Bei meiner Recherche zu dem Thema fand ich aber keinerlei kritische Auseinandersetzung von WOSM mit dem kolonialen und rassistischen Erbe des Woodbadges &#8211; im Gegenteil: Die K\u00f6nigsfamilie Dinuzulus forderte jahrzehntelang die R\u00fcckgabe der Kette und der Perlen von der Pfadfinder*innenbewegung \u2013 sie wurde dabei ignoriert. Die Perlen und weitere Zulusymbole wurden stattdessen sogar strategisch eingesetzt, um Zulu in die Pfadfinderei zu bringen und an sie zu binden.<\/p>\n<p><strong>Wir wollen es besser machen<\/strong><\/p>\n<p>Keine sch\u00f6ne Geschichte, die bisher gr\u00f6\u00dftenteils von au\u00dfen und nicht von <a href=\"https:\/\/www.scout.org\/\">WOSM<\/a> selbst aufgearbeitet wurde. Das kann sich aber \u00e4ndern. Im VCP wird auf Bundesebene und auch im Land zum Beispiel immer h\u00e4ufiger unser Liedgut kritisch betrachtet. Das ist richtig und wichtig. Eine Auseinandersetzung mit rassistischen und kolonialen Facetten in der Pfadfinder*innenbewegung kann und sollte \u00fcberall passieren: in Arbeitskreisen, in der Schulung, in Diskussionen in der Kellerbar.<\/p>\n<p>In den kommenden Monaten mache mache ich einen Woodbadge-Kurs: das <a href=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/neue-herausforderung-gesucht-training-of-leaders-internationaler-woodbadgekurs-2019-2020\/\">Training of Leaders<\/a> auf Bundesebene. Ich freue mich, dar\u00fcber zu diskutieren und zu streiten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Benedikt Reusch Es ist das Jahr 1987. Es findet eine riesige Pfadikundgebung in S\u00fcdafrika statt, bei der mehrere tausend Pfadfinder*innen versammelt sind. Chief Scout Garnet de la Hunt, der Vorsitzende der Pfadfinder*innen in S\u00fcdafrika, steht auf einer B\u00fchne und begr\u00fc\u00dft einen Ehrengast und bittet ihn auf die B\u00fchne. 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