{"id":11927,"date":"2018-12-05T01:01:01","date_gmt":"2018-12-04T23:01:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=11927"},"modified":"2018-11-29T14:54:10","modified_gmt":"2018-11-29T12:54:10","slug":"das-fussballspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/adventskalender\/das-fussballspiel\/","title":{"rendered":"Das Fu\u00dfballspiel"},"content":{"rendered":"<p>Es klingt wie ein M\u00e4rchen, aber es soll sich wirklich am ersten Weihnachten des Ersten Weltkrieges, im Jahr 1914 so zugetragen haben: Tommy (der deutsche Spitzname f\u00fcr den englischen Soldaten) und Jerry (der englische Spitzname f\u00fcr den deutschen Soldaten) h\u00f6rten auf, sich zu beschie\u00dfen, trafen sich in der Mitte des Niemandslandes und spielten Fu\u00dfball miteinander. Auf den Feldern in der N\u00e4he der belgischen Stadt Ypern lagen sich englische und deutsche Soldaten in Sch\u00fctzengr\u00e4ben gegen\u00fcber. Manchmal waren diese nur 25 Meter auseinander. Am Heiligabend 1914 war alles totenstill, sogar die Scharfsch\u00fctzen schossen heute nicht. Von der deutschen Linie kamen Kl\u00e4nge des Liedes \u201eStille Nacht, Heilige Nacht\u201c. Am Ende riefen die Deutschen: \u201eKomm Tommy, jetzt bist Du dran.\u201c Die Briten antworteten mit zwei bewegenden Weihnachtsliedern. Daraufhin sangen wieder die Deutschen. Die Soldaten von beiden Seiten kauerten in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben eng beieinander, um sich warm zu halten, denn der Wind blies in Ypern mit eisiger K\u00e4lte und verbreitete eine frostige Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p>Mitten in diese trostlose Winternacht rief eine deutsche Stimme: \u201eKomm Tommy, steh auf!\u201c Kein Brite wagte es, sich zu erheben. \u00dcberall lauerten Scharfsch\u00fctzen. Der Krieg war im vollen Gange. Kein Waffenstillstand war f\u00fcr Weihnachten vereinbart worden. Pl\u00f6tzlich entdeckten die britischen Soldaten die Umrisse eines Deutschen vor dem Winterhimmel. Er n\u00e4herte sich ihnen und sang \u201eStille Nacht\u201c. Langsam und mit verst\u00e4ndlicher Vorsicht krochen die Soldaten beider Seiten aus ihren Gr\u00e4ben. Die Gef\u00fchle schwangen hoch, als sich ein bunter Haufen von Feinden inmitten von Granattrichtern versammelte.<\/p>\n<p>Zu Beginn waren beide Seiten misstrauisch. Hatte sich da jemand einen Trick ausgedacht? Doch pl\u00f6tzlich wurde gelacht und gescherzt. Englische Soldaten alberten mit der Pickelhaube von deutschen herum. Fotos wurden geschossen von strengen Offizieren und Leuten, die nicht so recht wussten, wie sie gucken sollten. Aber in den schroffen, schnauzb\u00e4rtigen Gesichtern sah man auch ein L\u00e4cheln. Die Augen schauten erleichtert und friedvoll drein. Ein junger Deutscher, der in Amerika studiert hatte, \u00fcbersetzte. Ein deutscher Leutnant bat einen britischen Major, seiner Schwester in Liverpool ein Bild von ihm zu schicken.<\/p>\n<p>Der unheimliche Waffenstillstand weitete sich auf ungef\u00e4hr zwei Meilen entlang der Front aus. Eine unwirkliche Atmosph\u00e4re hing \u00fcber den windigen Feldern. Und ja, auch ein Fu\u00dfballspiel fand statt. Zuerst mit einer Dose und dann mit einem richtigen Ball. Jacken und Schals dienten als Pfosten. Die Sachsen schlugen die Angelsachsen 3 : 2. Die Toten beider Seiten wurden beerdigt, wobei Priester beider L\u00e4nder beim Begr\u00e4bnis dabei waren. Man einigte sich hier sogar auf folgende Regelung: \u201eWenn durch irgendeinen ungl\u00fccklichen Zufall ein Schuss f\u00e4llt, so sollte das nicht als Kriegshandlung aufgefasst und eine Entschuldigung akzeptiert werden. Ohne beidseitige vorherige Warnung w\u00fcrde nicht wieder mit dem Schie\u00dfen begonnen.\u201c<\/p>\n<p>In einzelnen Abschnitten dauerte der Waffenstillstand bis zum neuen Jahr. Aber die Oberkommandos waren w\u00fctend. Der Krieg st\u00fctzte sich auf den Glauben, dass die anderen teuflische Ungeheuer waren. Wenn der einfache Soldat daran zu zweifeln begann, w\u00fcrde er unweigerlich den Willen zum K\u00e4mpfen und T\u00f6ten verlieren. Aus einem Brief eines Unterleutnants an seine Mutter in Birmingham wird das deutlich: \u201eWir waren \u00fcberrascht, dass die Deutschen ziemlich lustige Typen sind. Es ist verr\u00fcckt, gegen sie zu k\u00e4mpfen.\u201c Deshalb wurden von den Kommandierenden jegliche weitere Verbr\u00fcderung untersagt.<\/p>\n<p>Der Waffenstillstand von Weihnachten 1914 ist eine der wenigen positiven Erinnerungen an diesen Krieg. Eine Insel der Vernunft inmitten eines Meeres von Abschlachten und Verzweiflung.<\/p>\n<p>An Weihnachten 1914 bei Ypern erwies sich die Menschlichkeit in all den Wirren des Krieges und zwischen allen Todesschrecken als unbesiegbar.<\/p>\n<p>Mit freundlicher Abdruckgenehmigung:<br \/>\nGek\u00fcrzt nach Alastair Steven, Das Fu\u00dfballspiel, in Weihnachtsausgabe der TIMES, London, 1954.In: Volksbund Deutscher Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge e.V.: Erz\u00e4hlen ist Erinnern. Kassel. 1999<\/p>\n<figure id=\"attachment_11923\" aria-describedby=\"caption-attachment-11923\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Fu\u00dfballspiel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-11923\" src=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Fu\u00dfballspiel-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Fu\u00dfballspiel-300x200.jpg 300w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Fu\u00dfballspiel-768x512.jpg 768w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Fu\u00dfballspiel.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-11923\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Peter Mestel<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es klingt wie ein M\u00e4rchen, aber es soll sich wirklich am ersten Weihnachten des Ersten Weltkrieges, im Jahr 1914 so zugetragen haben: Tommy (der deutsche Spitzname f\u00fcr den englischen Soldaten) und Jerry (der englische Spitzname f\u00fcr den deutschen Soldaten) h\u00f6rten auf, sich zu beschie\u00dfen, trafen sich in der Mitte des Niemandslandes und spielten Fu\u00dfball miteinander. 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