{"id":11503,"date":"2018-10-16T11:56:49","date_gmt":"2018-10-16T09:56:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=11503"},"modified":"2018-11-01T16:27:51","modified_gmt":"2018-11-01T14:27:51","slug":"das-jahr-45-n-chr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/allgemein\/das-jahr-45-n-chr\/","title":{"rendered":"Das Jahr 45 n. Chr."},"content":{"rendered":"<h3>Ein Ausflug ins antike Antiochia zur Wiege des Christentums<\/h3>\n<p><em>von Andreas Witt<\/em><\/p>\n<p>Wir befinden uns (ungef\u00e4hr) im Jahre 45 n. Chr. (nach Christus). Ganz Gallien ist von den R\u00f6mern besetzt, und nicht nur ganz Gallien, sondern der gesamte Mittelmeerraum geh\u00f6rt zum Imperium Romanum und wird von dem Kaiser Claudius regiert. Dieser wird im Jahre 54 n. Chr. von seiner Frau Agrippina vergiftet werden, damit Nero, ihr (von Claudius adoptierter) Sohn aus erster Ehe, den Kaiserthron besteigen kann. Kaiser Nero wird dann im Jahre 64 n. Chr. die Christen f\u00fcr den gro\u00dfen Brand in Rom verantwortlich machen und damit die erste gro\u00dfe Christenverfolgung in Rom starten \u2013 aber diese Ereignisse liegen im Jahre 45 noch in der Zukunft.<\/p>\n<p>Denn jetzt befinden wir uns erst einmal in der r\u00f6mischen Provinz Syrien, in der pulsierenden Provinzhauptstadt Antiochia am Fluss Orontes, nach Rom und Alexandria die drittgr\u00f6\u00dfte Metropole des r\u00f6mischen Imperiums. In dieser Weltstadt stand um das Jahr 45 die Wiege des Christentums. Hier wurden n\u00e4mlich die Anh\u00e4nger*innen der christlichen Urgemeinden das erste Mal \u201e<em>Christianoi<\/em>\u201c (= \u201eChristianer\u201c = \u201eAnh\u00e4nger des Christus\u201c = Christen) genannt (Apg. 11.26), was bedeutet, dass sie als eigenst\u00e4ndige Religion wahrgenommen wurden &#8211; und nicht mehr nur als eine spezielle Glaubensrichtung des Judentums. Die neue Religion \u201eChristentum\u201c war also geboren!<\/p>\n<h3>Doch wieso stand quasi die Wiege des Christentums in der Stadt Antiochia und nicht in Jerusalem?<\/h3>\n<p>Wenn wir, wie die meisten Theolog*innen dies tun, davon ausgehen, dass Jesus im Jahre 30 n. Chr. in Jerusalem gekreuzigt wurde, danach seinen Anh\u00e4nger*innen erschienen ist und 50 Tage nach dem Ostergeschehen der Heilige Geist wie ein \u201eBrausen vom Himmel\u201c (Apg. 2) \u00fcber die ersten Jesusanh\u00e4nger*innen kam, war das Pfingstereignis, das heutzutage gerne als \u201eGeburtstag der Kirche\u201c bezeichnet wird, im Jahre 45 n. Chr. gerade mal 15 Jahre her. Allerdings, ob diese Jahreszahlen stimmen, kann man nicht so genau sagen: Denn die Bibel und andere antike Schriftsteller*innen \u00fcberliefern \u00fcberwiegend ungenaue Zeitangaben. Nach dem Pfingstereignis gewannen die Urgemeinden viele neue Anh\u00e4nger*innen. Dies missfiel der j\u00fcdischen Obrigkeit in Jerusalem. Der Konflikt gipfelte schlie\u00dflich ungef\u00e4hr im Jahr 33 n. Chr. in der Steinigung des Stephanus, der somit zum ersten christlichen M\u00e4rtyrer wurde (Apg. 7). Danach \u201eerhob sich (\u2026) eine gro\u00dfe Verfolgung \u00fcber die Gemeinde in Jerusalem; da zerstreuten sich alle in die L\u00e4nder Jud\u00e4a und Samarien, au\u00dfer den Aposteln.\u201c (Apg. 8.1.) Unter den Verfolgern war auch ein gewisser Saulus (Apg. 8.3), der nach seiner Bekehrung (Apg. 9) sp\u00e4ter unter dem ge\u00e4nderten Namen Paulus zu einem wichtigen Missionar der fr\u00fchen Gemeinden werden sollte.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Fl\u00fcchtlingswellen kamen Mitglieder der Jerusalemer Gemeinde in die syrische Provinz-Hauptstadt Antiochia (Apg. 11.19): \u201eEs waren aber einige unter ihnen, M\u00e4nner aus Zypern und Kyrene, die kamen nach Antiochia und redeten auch zu den Griechen und predigten das Evangelium vom Herrn Jesus\u201c (Apg. 11.20). Das war neu, auch \u201eNicht-Juden\u201c bzw. \u201eHeiden\u201c zu missionieren. Durch diese sogenannte \u201eHeidenmission\u201c, \u00fcber die es zwischenzeitlich zum heftigen Streit mit der Jerusalemer-Gemeinde kam, wuchs die Gemeinde in Antiochia und entwickelte sich zum neuen Zentrum der jungen Religion. Denn dadurch, dass die Beschneidung \u2013 damals bei erwachsenen M\u00e4nnern ein nicht ganz unproblematischer Eingriff &#8211; und das Einhalten der strengen j\u00fcdischen Speisevorschriften nicht mehr zwingend gefordert waren, standen die T\u00fcren zum Glauben an Jesus Christus auch f\u00fcr \u201eNicht-Juden\u201c offen und somit waren die Weichen in Richtung Expansion zur Weltreligion Christentum gestellt. Von Antiochia aus brach der Apostel Paulus zu seinen drei gro\u00dfen Missionsreisen auf und brachte den Glauben an Jesus Christus sogar bis nach Rom.<\/p>\n<p>Warum war das Christentum aber f\u00fcr viele Menschen au\u00dferhalb des Judentums interessant und attraktiv? Die Vielzahl der aufkommenden geheimen Mysterienkulte, wie zum Beispiel der Mithras- oder der Dionysos-Kult, legt nahe, dass relativ viele Menschen an den traditionellen griechisch-r\u00f6mischen G\u00f6ttern zweifelten und sich spirituell auf die Suche machten. Antiochia war um das Jahr 45 n. Chr. herum vermutlich ein multikultureller Schmelztiegel verschiedenster religi\u00f6ser Vorstellungen und Kulte.<\/p>\n<h3>Doch was unterschied nun das Christentum von den anderen Religionen und Kulten?<\/h3>\n<p>Vielleicht war es \u2013 neben der christlichen Jenseits-Erwartung und der Vorstellung eines allm\u00e4chtigen Sch\u00f6pfergottes &#8211; der Gedanke der Freiheit und Gleichheit: \u201eDenn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. (\u2026) Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus\u201c (Gal. 3, 26 + 28).<\/p>\n<p>Ja, so oder so \u00e4hnlich k\u00f6nnte es gewesen sein im Jahre 45 n. Chr. in Antiochia am Fluss Orontes. Aber Achtung: Es gab im Imperium Romanum mehrere St\u00e4dte namens Antiochia. Heutzutage hei\u00dft unser Antiochia Antakya und liegt in der T\u00fcrkei, im Grenzgebiet zu Syrien, wo &#8211; wie wir aus den Medien wissen &#8211; zurzeit ein furchtbarer Krieg tobt. Heute leben \u00fcberwiegend sunnitische Muslime in Antakya und nur ganz Weniges erinnert in der modernen Stadt an ihre einstige gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die Geschichte des Christentums. Denn: Obwohl die Krippe Jesu (nach biblischer \u00dcberlieferung) in Bethlehem stand, Jesus \u00fcberwiegend in Galil\u00e4a wirkte und in Jerusalem gekreuzigt wurde, stand die Wiege des Christentums als Weltreligion in Antiochia.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Ungef\u00e4hr 45 Jahre nach dem Pfingstereignis, d.h. so um das Jahr 75 n. Chr., verfasste der Evangelist Matth\u00e4us wahrscheinlich in Syrien &#8211; und vermutlich sogar in Antiochia &#8211; sein Evangelium. Aber das w\u00e4re ein anderer Ausflug in die Kirchengeschichte!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/war-2646213_1920.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-11504\" src=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/war-2646213_1920-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/war-2646213_1920-300x225.jpg 300w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/war-2646213_1920-768x576.jpg 768w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/war-2646213_1920-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/war-2646213_1920.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Ausflug ins antike Antiochia zur Wiege des Christentums von Andreas Witt Wir befinden uns (ungef\u00e4hr) im Jahre 45 n. 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