{"id":107,"date":"2014-03-24T14:09:15","date_gmt":"2014-03-24T12:09:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/?p=107"},"modified":"2014-10-04T11:41:36","modified_gmt":"2014-10-04T09:41:36","slug":"raus-in-die-weite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/allgemein\/raus-in-die-weite\/","title":{"rendered":"Raus in die Weite"},"content":{"rendered":"<p>Absolute Freiheit, Abenteuer und Weite bis zum Horizont \u2013 zur See fahren. Oder gibt es diese Freiheit nur in alten Seemannsschnulzen?<br \/>\nanp war mit Dirk Obermann von der Seemannsmission in Bremerhaven unterwegs.<strong><br \/>\n<\/strong>Weltweit gibt es mehr als 1 Millionen Seeleute. 30.000 davon kommen j\u00e4hrlich zum Seemannsclub in Bremerhaven. Aber schon das \u201ekommen\u201c ist nicht so einfach wie man denkt. Die H\u00e4fen sind abgeriegelt und eingez\u00e4unt und d\u00fcrfen ohne Ausweis und Genehmigung nicht betreten werden. Und \u201ebetreten\u201c stimmt auch nicht \u2013 zu Fu\u00df gehen ist streng verboten. Wer mit dem Auto hereinfahren darf, setzt ein rotes Blinklicht aufs Autodach, um nicht \u00fcbersehen zu werden.<br \/>\nVorab haben wir auf einem Plan geschaut, welche Schiffe f\u00fcr ein paar Stunden im Hafen liegen. Mit dabei haben wir eine Tasche mit Telefonkarten und Einladungen f\u00fcr den Seemannsclub \u201eWelcome\u201c.<br \/>\nDie Seeleute k\u00f6nnen einen Shuttlebus rufen, um dann in den Seemannsclub zufahren. Er ist von 15.00 bis 22.30 Uhr ge\u00f6ffnet. So haben die Seeleute nach dem Abendessen drei bis vier Stunden Zeit, die sie mal nicht auf dem Schiff verbringen. Wenn der Club schlie\u00dft, werden sie wieder aufs Schiff gebracht.<\/p>\n<h2>Was ist den Seeleuten in ihrer freien Zeit am wichtigsten?<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_seemannsmission_billiardtisch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-112\" src=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_seemannsmission_billiardtisch-300x225.jpg\" alt=\"BT_seemannsmission_billiardtisch\" width=\"180\" height=\"135\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_seemannsmission_billiardtisch-300x225.jpg 300w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_seemannsmission_billiardtisch.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>Der Austausch mit den Familien. Sie mailen, sie skypen. Aber sie k\u00f6nnen auch andere Leute als ihre Crew sehen. Sie reden, sie spielen Billard. Billard ist \u00fcbrigens das zweitwichtigste. Denn Billard kannst du auf einem Schiff nicht spielen. Es gibt noch einen kleines Sportplatz \u2013 auch eine Besonderheit. Im Laden decken sich die Seeleute gerne mit S\u00fc\u00dfigkeiten und Drogerieartikeln ein. Viele sind ganz wild auf Schokolade, aber nicht nur, um sie an Bord zu essen, sondern auch ihren Familien mitzubringen.<\/p>\n<h2>Wie gro\u00df ist die Mannschaft auf einem Containerschiff?<\/h2>\n<p>Kleiner als man denkt. Es gibt eine Bemannungsverordnung, die besagt, wie viele Leute auf dem Schiff arbeiten m\u00fcssen. Die meisten gro\u00dfen Containerschiffe haben etwa zwanzig Leute an Bord.<\/p>\n<h2>Wie muss ich mir eine Schiffscrew vorstellen? Kommen alle aus einem Land?<\/h2>\n<p>Das gibt\u2019s auch, es gibt Schiffe mit einer komplett indischen oder chinesischen Besatzung. Aber h\u00e4ufiger ist es so, dass bei deutschen Reedereien der Kapit\u00e4n und der erste Offizier Deutsche sind, die Schiffsoffiziere aus Osteuropa und Russland kommen und die Crew von den Philippinen. Kommuniziert wird auf Englisch.<\/p>\n<h2>Wenn wir jetzt an Bord gehen, werden wir da freundlich empfangen?<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_crewcontainerschiff_dirkobermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-111\" src=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_crewcontainerschiff_dirkobermann-300x201.jpg\" alt=\"BT_crewcontainerschiff_dirkobermann\" width=\"180\" height=\"121\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_crewcontainerschiff_dirkobermann-300x201.jpg 300w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_crewcontainerschiff_dirkobermann.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>Bestimmt. Im Allgemeinen werden wir hochgesch\u00e4tzt. Die Seemannsmission hat einen guten Ruf \u2013 bei den Reedern wie bei der Crew. Das liegt aber auch daran, dass normalerweise kein Besuch an Bord kommt \u2013 h\u00f6chstens Beh\u00f6rden, um etwas zu kontrollieren. Wir bringen etwas mit: Zeit, Telefonkarten, damit sie nach Hause telefonieren k\u00f6nnen, Zeitungen. Wir kommen, um sie zu unserem Club einzuladen und vor allem, um zu zuh\u00f6ren. Das ist unsere seelsorgerische T\u00e4tigkeit. Zuh\u00f6ren. Wir bieten ihnen die M\u00f6glichkeit, auch mal vom Schiff wegzukommen. F\u00fcr viele Seeleute ist ein Ausflug in die Stadt oder nur mal in den Supermarkt eine echte Abwechslung.<\/p>\n<h2>Was magst du besonders an deiner Arbeit f\u00fcr die Seeleute?<\/h2>\n<p>Ich mag ihre Mentalit\u00e4t. Die allermeisten Seeleute sind Weltb\u00fcrger. Sie m\u00fcssen mit vielen Nationen, Kulturen und auch st\u00e4ndig wechselnden Umst\u00e4nden klarkommen. Sie kommen mit dem zurecht, was sie gerade haben. Auf dem Schiff wird dir keiner sagen: Das geht jetzt aber gerade nicht. Da gibt es etliche Parallelen zum Pfadfinden. Seeleute sind sehr h\u00f6flich, vielleicht weil sie fast immer G\u00e4ste sind.<\/p>\n<h2>Wir reden immer von Seem\u00e4nnern. Gibt es auch Seefrauen?<\/h2>\n<p>Ja, einige wenige. Das sind meist Nautikerinnen, also Kapit\u00e4ninnen oder Offiziere, seltener sind Frauen im Maschinenraum.<\/p>\n<h2>Und wie kommen die Frauen in dieser eher m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Welt zurecht?<\/h2>\n<p>Auf dem Schiff gibt es eine starke Hierarchie. Der Kapit\u00e4n hat das Sagen. Da spielt das Geschlecht erst in zweiter Linie eine Rolle. Dazu kommt die eben schon erw\u00e4hnte H\u00f6flichkeit. Von vielen Seeleuten habe ich auch geh\u00f6rt, dass das Klima und der Umgangston sich verbessern, wenn Frauen an Bord sind.<\/p>\n<h2>Was ist denn noch dran am Seemannsmythos von der endlosen Freiheit auf dem Meer?<\/h2>\n<p>Nichts. Ich denke, man muss schon eine gewisse Sehnsucht nach der Ferne mitbringen, sonst kann man gar nicht zur See fahren. Aber frei und ungebunden sind die wenigsten. Sie haben fast alle Familien oder Beziehungen. Sie fahren zur See, um Geld zu verdienen. Die meisten sind neun oder zehn Monate auf See, dann zwei oder drei Monate zuhause, dann fahren sie wieder los. Im R\u00fcckblick sagen viele Seeleute, dass sie von ihren Kindern fast nichts mitbekommen haben. Geburtstage, Schulfeste\u2026 sie haben einfach viel verpasst. Trotzdem sind sie nicht bedauernswert \u2013 fast alle haben diesen Beruf selbst gew\u00e4hlt und es gibt auch viele sch\u00f6ne Momente an Bord. Und es gibt auch einen Mannschaftsgeist. Der ist nicht so ausgepr\u00e4gt wie man sich den in der Seefahrerromantik vorstellt, denn die Besatzung ver\u00e4ndert sich unterwegs. Manche gehen fr\u00fcher von Bord, daf\u00fcr kommen andere. Es ist eher eine Zweckgemeinschaft.<\/p>\n<h2>Wie hat sich das Leben der Seeleute ver\u00e4ndert?<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_bremerhaven_containerschiff_abfahrt1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-114\" src=\"https:\/\/www.vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_bremerhaven_containerschiff_abfahrt1-300x225.jpg\" alt=\"BT_bremerhaven_containerschiff_abfahrt\" width=\"180\" height=\"135\" srcset=\"https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_bremerhaven_containerschiff_abfahrt1-300x225.jpg 300w, https:\/\/vcp.de\/pfadfinden\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/BT_bremerhaven_containerschiff_abfahrt1.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>Die Bedingungen sind deutlich schlechter geworden \u2013 durch die Finanzkrise und die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen den Reedereien. Die Schiffe werden immer gr\u00f6\u00dfer, die Liegezeiten immer k\u00fcrzer und viele Seeleute kommen gar nicht mehr vom Schiff. Viele sind froh, wenn die Schiffsmaschine mal nicht l\u00e4uft und deshalb das Schiff nicht st\u00e4ndig vibriert. Eine der Folgen der Anschl\u00e4ge des 11. September sind die Versch\u00e4rfung der Sicherheitsvorschriften. Seitdem sind alle H\u00e4fen eingez\u00e4unt und so abgesichert, so dass man kaum noch rein und raus kommt. Die Angst vor Piraten ist nat\u00fcrlich pr\u00e4sent. Und die Angst vor wirtschaftlichem Ruin. Manchmal werden Schiffe von ihren Reedereien aufgegeben, die liegen dann in zweiter Reihe im Hafen \u2013 mit ihrer Besatzung, die keine Heuer mehr bekommen, nichts zu essen haben und nicht wissen, wie es weitergeht. Einer sagte mir mal: Wei\u00dft du, was der einzige Unterschied zwischen einem Schiff und einem Gef\u00e4ngnis ist? Das Gef\u00e4ngnis kann nicht untergehen.<\/p>\n<h2>Haben Seeleute denn bestimmte Rituale? Gibt es die \u00c4quatortaufe noch?<\/h2>\n<p>Ehrlich gesagt, vermutlich wenn Touristen an Bord sind. Das nimmt auch zu, dass gro\u00dfe Schiffe Passagiere mit an Bord nehmen. Oder vielleicht bei der Marine. Aber von wegen Ritual: Der Speiseplan an Bord ist ganz wichtig, damit die Crew das Gef\u00fchl f\u00fcr die Wochentage nicht verliert: Donnerstag gibt\u2019s Kuchen zum Kaffee, Freitag Fisch und Sonntagabend nur kaltes Essen.<\/p>\n<h2>Stimmt es, dass sich Seeleute beim Landgang t\u00e4towieren lassen?<\/h2>\n<p>Die meisten kommen ja kaum raus. Und sie fahren zur See, um m\u00f6glichst viel Geld zu verdienen. Das geben sie dann vermutlich nicht f\u00fcr sowas aus. Wenn, dann ziehen eher die j\u00fcngeren Seeleute abends mal los, die \u00e4lteren bleiben meist an Bord und sind froh, wenn sie ihre Ruhe haben.<\/p>\n<h2>Was macht ihr bei Krisenf\u00e4llen?<\/h2>\n<p>Wenn es Probleme an Bord gibt, versuchen wir zu vermitteln und stellen auch Kontakte zur ITF (International Transportworkers Federation) her. Wenn es zu einem Todesfall auf dem Schiff gekommen ist, machen wir eine Trauerfeier. Manchmal wird das Schiff auch wieder gesegnet. Das wichtigste ist aber, mit den Leuten an Bord zu sprechen und ihnen zuzuh\u00f6ren. Wenn etwas Schlimmes passiert, muss der Kapit\u00e4n immer den Kopf hinhalten. Dazu kommen umfangreiche Untersuchungen durch die Polizei und die Versicherung. Ich erinnere mich an einen Fall, wo auf der Themse ein noch sehr junger Seemann \u00fcber Bord gegangen ist. Der Kapit\u00e4n lie\u00df das Schiff umkehren, um den Jungen zu suchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn finden w\u00fcrde, war gering, trotzdem machte er es. Die Reederei hat ihm daf\u00fcr Vorw\u00fcrfe gemacht. Meiner Meinung nach \u2013 und das habe ich ihm auch gesagt \u2013 hat er v\u00f6llig richtig gehandelt. Es war auch erstaunlich, wie die Crew damit umgegangen ist: Ein alter Seemann wollte es einfach nicht glauben. Er war steif und fest davon \u00fcberzeugt, dass der Junge sich irgendwo auf dem Schiff versteckt habe und wieder auftauchen w\u00fcrde. Die Seeleute haben dann an der Stelle, wo der Junge verschwunden war, eine Trauerzeremonie veranstaltet.<\/p>\n<h2>Sind Seeleute gl\u00e4ubig oder eher abergl\u00e4ubig?<\/h2>\n<p>Eigentlich nicht, die philippinischen Seeleute sind sehr katholisch. Ich glaube aber schon, dass Seeleute h\u00e4ufig einen anderen Umgang mit ihrem Glauben haben, weil sie Gefahren und den Naturgewalten ganz anders ausgeliefert sind als wir an Land. Vor sich sehen sie endloses Meer, \u00fcber sich den Himmel und die Sterne. Da kommt man dann schon ins Nachdenken.<\/p>\n<div class=\"brlbs-cmpnt-container brlbs-cmpnt-content-blocker brlbs-cmpnt-with-individual-styles\" data-borlabs-cookie-content-blocker-id=\"default\" data-borlabs-cookie-content=\"PGlmcmFtZSBzcmM9Ii8vd3d3LnlvdXR1YmUuY29tL2VtYmVkL2I1bmhHdGUtaGJ3P3JlbD0wIiB3aWR0aD0iNTYwIiBoZWlnaHQ9IjMxNSIgZnJhbWVib3JkZXI9IjAiIGFsbG93ZnVsbHNjcmVlbj0iYWxsb3dmdWxsc2NyZWVuIj48L2lmcmFtZT4=\">\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-preset-a\">\n<p class=\"brlbs-cmpnt-cb-description\">Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von <strong>Standard<\/strong>. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. 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